Der 31jährige Dr. med. Jordi Pujol ist in Barcelona von einem politischen Gericht zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Das war am 13. Juni. Inzwischen haben außerhalb Spaniens bedeutende Organisationen leidenschaftlich gegen das Urteil protestiert, darunter die "Pax Romana", die katholische Aktion Italiens. Und mittlerweile sind durch die engen Maschen der spanischen Zensur auch authentische Einzelheiten über den "Fall Pujol" gedrungen.

Der Chefredakteur der zweitgrößten spanischen Zeitung – der Vanguardia Espaniola – hatte zurücktreten müssen, weil die von ihm vertretene Politik nicht mehr der Leserschaft gefiel. Sein Name ist populär, weil er die offizielle Lebensgeschichte des General Franco geschrieben hat. Sein Name: Luis de Galinsoca. Dieser Rücktritt war offensichtlich ein Signal für General Franco, in Barcelona, der Hauptstadt Catalaniens, nach dem Rechten zu sehen.

Franco kam am 19. Mai nach Catalanien, just an dem Tage, da die Catalanen das Gedächtnis ihres Nationaldichters Joan Maragall feierten.

Joan Maragall hat einst ein nationales catalanisches Lied, eine "Fahnenhymne" – El Cant de la Senyera – geschrieben. Und nun muß man eins verstehen: Ein Diktator will, daß das Gesamte seines Staates eine monotone Würde habe. Hier sah er das Gesamte bedroht.

Der Fall ist tragisch – sowohl für Franco als auch für das spanische Volk: Er kam nach Barcelona, um die Catalanen zu beruhigen. Was aber geschah? Sobald dort die Fahnenhymne der Catalanen ertönte, erhob sich die Versammlung und sang. Sie sang. Und dieser Gesang war – Aufstand.

Nicht Franco selber, aber vier Minister seines Regimes waren in dem Konzert zugegen. "Ein verbotenes Lied", schrie der Polizeipräfekt. Auf seinen Befehl drangen hundert Polizisten in den Saal... In solchen Fällen zeigt sich, daß der Spanier nicht deshalb stolz ist, weil er Spanier ist. Sondern: weil er (von Natur aus) Spanier ist, deshalb ist er (von Natur aus) stolz. Kurzum: es gab Verletzte, ja Verwundete. Und es ist sehr wohl möglich, daß dies Ereignis eine Schicksalsstunde des spanischen Volkes ist...

Es ist allzu billig’ zu sagen, daß alles, was im Westen Europas den Frieden oder die Ruhe stört, kommunistischen Ursprungs sei. Tatsache ist vielmehr, daß zwar die Vertreter der hohen Geistlichkeit Rücksicht gegenüber dem Franco-System bewahren, daß jedoch die Geistlichen, die in den Gemeinden wirken, sich mit den Gläubigen – also mit dem Volk – identifizieren.