Von Werner Ross

Der Nobelpreisträger stellt sich dem deutschen Publikum vor. Aus seinen schmalen Gedichtbänden ist eine noch schmalere Auswahl mit deutcher Übersetzung erschienen –

Salvatore Quasimodo: "Das Leben ist kein Traum", ausgewählte Gedichte italienisch und deutsch, Übertragung und Nachwort von Gianni Selvani; R. Piper & Co Verlag, München; 64 S., 7,50 DM.

Man ist neugierig, was denn daran sei, man blätert, liest, wird von harten Fügungen ohne Gedankenbrücke bedrängt, von einer neuen kühlen Bildersprache bestrickt. Man wird allmählich aufmerksam auf Leitmotive, auf melodische Figuren, auf die Hartnäckigkeit einer bestimmten Thematik, und es zeichnet sich ein Profil.

Versuchen wir’s nachzuzeichnen. Am besten ängt man nicht mit dem Titel "Das Leben ist kein Traum" an, sondern mit dem berühmtesten iller Quasimodo-Verse, der jedem Hörenden so-

ort im Ohr bleibt: "Ed è subito sera". Das

;anze Gedicht heißt: "Jeder steht allein auf dem Herzen der Erde / es trifft ihn ein Strahl der euchtenden Sonne / und schon ist es Abend." Abendgefühle, leise Trauer, "wieder ein Jahr ist verbrannt", "und Trümmer die Tage". Wenn man >berflächlich – und darum falsch – einordnen rollte, wäre die Schule Mallarmés zu erwähnen, die Nähe der Décadents, die Abstammung von den "Crepuscolari", den Dämmerungsdichtern der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Man kann, wenn man will, auch die Schwermut Siziliens bemühen oder die existentielle Situation, ohne das Richtige zu treffen.