Von Arno Schmidt

Lesen ist schrecklich. Wenn ich vom Helden höre, daß er sich zum Denken anschickt: "...er runzelte die Stirn und preßte streng die Lippen aufeinander ..." – schon fühle ich, wie sich mein Gesicht, vorn, zu der gleichen pensiven Grimasse verformt! Oder "... ein hochmütiges Lächeln spielte um seinen rechten Mundwinkel ..." – mein Gott, muß ich dabei albern aussehen; denn ich kann nun einmal nicht unsagbar hochmütig lächeln, und schon gar nicht mit dem rechten Mundwinkel für sich; das ist auch so eine Gabe, die mir das Schicksal versagt hat.

Das muß vielen so gehen! Morgens, in der Straßenbahn, sieht man deutlich die Verheerungen, die die Schriftsteller unter uns anrichten; wie sie uns ihre Gedankengänge, die verruchtesten Gebärden, aufzwingen. Gestern hob der junge Mensch mir gegenüber – er ist Student an der Technischen Hochschule und las einen mir übrigens unbekannten "Tennessee Williams": so hießen in meiner Jugend die exotischen Verbrechertypen, "Alaska-Jim" und "Palisaden-Emil"! – also der hob den Kopf und besah mich mit so unverhüllter Mordgier, daß ich mir davor behend den Hut tiefer in die Stirn zog; auch eine Station früher ausstieg (beinah war ich zu spät ins Geschäft gekommen. Wahrscheinlich hatte er mich langsam von unten herauf in Scheiben geschnitten; oder in einen Sack gebunden und mich von tobsüchtigen Irren mit Bleischuhen zertanzen lassen!)

Oh, der Zeitungsroman, der Zeitungsroman! Neulich stand mitten im Text die nichtswürdige Wendung: "... er wandte den Kopf, langsam, wie Löwen pflegen ..." – am nächsten Morgen machte die Hälfte der Mitfahrer den Eindruck, als hätte sie Genickstarre; sie blinzelten und schnarchten verächtlich verzögert. Auch mit den jungen Mädchen war an dem Tage nicht auszukommen; sie schienen alle die Taschentücher vergessen zu haben und bestarrten uns Männer aufs unverschämteste. Erst später erfuhr ich, daß es im Konkurrenzblatt geheißen hatte: sie rotzte frech ..

Von Kind auf habe ich darunter gelitten! Während der Lehrzeit bei Henschel & Cie. las ich einmal, wie ein junger Mann seinen Chef durch hohe Freimütigkeit derart gewann, daß er ihn später zum Teilhaber erkor –: am nächsten Tage wäre ich beinah geflogen!

Meine zweite Freundin – solche Figur hat heut keine mehr! – habe ich dadurch verloren. Sie las – völlig richtig! – in den entscheidenden Tagen Heinses schwülen "Arding-hello"; während Satan mir die "Mittlere Sammlung der Reden Gotamo Buddahs" in die Narrenhände gespielt hatte: folglich versuchte ich soeben, meine Ration auf das dort vorgeschriebene eine Reiskorn pro Tag herabzustimmen (beziehungsweise die landesüblichere Magnum Bonum), und hoffte vermittels solcher Diät binnen kurzem die gebührenfreie Überwindung von Raum und Zeit zu erlangen. Hatte auch den Kopf voller Wendungen à la "... einsam, wie das Nashorn wandelt und versuchte ihre Bluse erstorbenen Willens zu besehen – ich kann mich selbst nicht mehr achten, wenn ich an jene Tage denke!

Dabei laboriere ich auch heute noch an den gleichen Problemen. Ich muß zwangsläufig und verstohlen die Lektüre meiner Frau kontrollieren, nur um zu wissen, was sie denkt. Ich tue das regelmäßig, seitdem sie einmal acht Tage lang so kalt und haßvoll tat, daß selbst ich Scheidungsgedanken erwog – bis ich herausfand, daß in ihrer Fortsetzungsgeschichte der Held soeben die Heldin betrogen hatte und allerlei Haß und Wut stattfand. Ich habe schon versucht (heimlich, versteht sich!), sie zu lenken: indem ich ihr üppige Lektüre unterschob; es gibt ja Autoren, die einen Hautana mit Inhalt dergestalt zu beschreiben verstehen, daß selbst graubärtige Prokuristen toll werden. (Aber damit muß man auch vorsichtig sein, daß man nicht überdosiert; ich bin nicht mehr der Jüngste!) (Meinem Hauswirt mußte ich einmal eine Geschichte von edelmütigen Gläubigern in den Briefkasten schieben!)