Nach einer längeren Pause, meine verehrten Leser, wollen wir an dieser Stelle wieder unsere wöchentlichen Gespräche über Fragen der Vermögensanlage aufnehmen. Eines vorweg: Während meines Urlaubs hat sich auf meinem Schreibtisch ein großer Stapel Post angesammelt, den ich nach und nach abtragen werde. Haben Sie bitte Verständnis, wenn Sie in dem einen oder anderen Falle etwas länger auf eine Antwort warten müssen. Bei allen Ihren Anfragen beachten Sie bitte: Ich bin kein Prophet! Ich kann Ihnen also nicht sagen, wie sich der Kurs dieser oder jener Aktie entwickeln wird, ob und wann man verkaufen soll. Man kann höchstens Vermutungen aussprechen und allgemeine Hinweise geben. Wer sicher in die Börsenzukunft sehen kann, braucht keine Zeitungsartikel zu schreiben! Daran denken Sie bitte, wenn wir jetzt versuchen wollen, die Kursentwicklung im 2. Halbjahr 1960 zu überdenken.

Man wird wohl unterstellen können, daß die Börse von der Kursentwicklung in den letzten Monaten überrascht worden ist. Ein Ansteigen der Kurse war zwar vermutet worden, aber daß es in einem so raschen Tempo vor sich gehen würde, haben nur wenige vorausgesagt. Und das trotz restriktiver Notenbankpolitik! Warum ist es zu der Hausse gekommen? 1. Das Ausland hat sich weiterhin auf den deutschen Aktienmärkten engagiert. Bis zur Pariser Gipfelkonferenz hielt es sich noch etwas zurück, offensichtlich in der Furcht vor einem "faulen Kompromiß". Danach sah man keinen Grund mehr, mit Anlagen in der Bundesrepublik zu zögern.

2. In Afrika und Asien ist ein privates Kapital freigeworden (Abzug infolge politischer Unsicherheit), das jetzt in Europa angelegt werden: soll. Der EWG-Raum gewinnt an Anziehungskraft. Die deutschen Börsen haben hier eine Art Spitzenstellung.

3. Trotz restriktiver Notenbankpolitik ist die Wirtschaft immer noch recht flüssig geblieben. Export- und Zahlungsbilanzüberschüsse haben liquidierend gewirkt. Hinzu kam und kommt die Spekulation auf eine Aufwertung der D-Mark, die trotz scharfer Dementi immer noch nicht beendet ist.

4. Die Konjunktur hat sich gut entwickelt, und die Ertragslage war verhältnismäßig günstig, so daß die Dividenden zum größten Teil angehoben werden konnten.

5. Von der gesetzgeberischen Seite wurde die Hausse insofern unterstützt, als inzwischen die Umwandlung von Rücklagen in Aktienkapital möglich ist. Dabei stellt sich heraus, daß viele Gesellschaften bereit sind, ihre Dividenden auf alter Höhe zu belassen, so daß tatsächlich eine echte Dividendenerhöhung eintritt.

Werden diese Faktoren auch für das II. Halbjahr 1960 für die Börse noch gelten? Die politischen Risiken lassen sich naturgemäß am schwersten vorausschätzen. Immerhin ist die Börse in dieser Beziehung einiges gewohnt. Kursrückgänge, die auf politische Ursachen zurückzuführen sind, pflegen sich erfahrungsgemäß schnell wieder auszugleichen. Man erwartet, daß die Sowjets zumindest bis zu den amerikanischen Präsidentenwahlen "still" halten werden, so daß aus der Ostende vorerst wohl kein Baisse-Wind wehen wird. Für die deutschen Aktienkurse liegt das politische Risiko in dem hohen Alter des Bundeskanzlers. Innenpolitische Faktoren werden im Laufe der nächsten Monate (Wahlvorbereitungen) an Bedeutung gewinnen können, aber nach der offiziellen Abkehr der SPD von den Sozialisierungstendenzen (man hofft, daß dies von Dauer sein wird) und nach dem Streben der SPD, eine einheitliche Basis für die Außenpolitik zu finden, scheint sich für die Börse auch hier einiges aufzuhellen.