Der Deutsche Gewerkschaftsbund hat in diesen Tagen einigen Grund, Triumphe zu feiern Mit dem "Homburger Abkommen", das einer bedeutenden Gruppe von westdeutschen Industriearbeitern die 40-Stunden-Woche bescheren wird, kann der DGB einen seiner markantesten Siege der Nachkriegszeit an seine Fahnen heften. Das Kernstück des vor einigen Jahren aufgestellten gewerkschaftlichen Aktionsprogramms hat begonnen, Wirklichkeit zu werden. Wirklichkeit zunächst für die Metallarbeiter, die allerdings auch nicht nur das Glück haben, die wohl stärksten Pferde im gewerkschaftlichen Rennen an ihrer Spitze zu wissen, sondern auch einer Branche anzugehören, deren ausnehmend gute Konjunktur ein so weitreichendes Zugeständnis erleichtert.

Im Laufe der langwierigen Verhandlungen zwischen dem Gesamtverband metallindustriellen Arbeitgeberverbände und der Industriegewerkschaft Metall haben beide Gesprächspartner Federn lassen müssen. Aber als Endergebnis ist immerhin am vergangenen Wochenende ein Abkommen verabschiedet worden, das den Metallarbeitern der Bundesrepublik bis 1965 die 40-Stunden-Woche garantiert. In einem Dreistufenplan soll dieses Ziel erreicht werden. Die erste Etappe wird am 1. Januar 1962 beginnen, wenn die wöchentliche Arbeitszeit von jetzt 44 auf 42 1/2 Stunden herabgesetzt wird. Sie wird am 1. Januar 1964 um weitere 1 1/4 Stunden, also auf 41 1/4, verkürzt werden, um schließlich am 1. Juli 1965 das Endziel, die 40-Stunden-Woche in der Metallindustrie, vollends zu erreichen. Als Lohnausgleich wurde zwischen den Tarifpartnern in Bad Homburg für die erste Stufe eine Lohnerhöhung um 3,5 vH vereinbart. Ihr folgen mit der zweiten Runde – zum 1. Januar 1964 – abermals eine Lohnaufbesserung um 3 vH und am 1. Juli 1965 weitere 3,1 vH.

Derart entscheidende Veränderungen der Arbeitskosten auf fünf Jahre im voraus festzulegen, ist für die deutsche Wirtschaft ein Novum. Das Homburger Abkommen enthält zwar auch eine Klausel, wonach die Tarifparteien, sofern es eine der beiden Seiten für wünschenswert hält, jeweils drei Monate vor dem vorgesehenen Termin der Arbeitszeitverkürzung zu einem Gespräch über deren wirtschaftliche Realisierbarkeit zusammenkommen können. Es heißt in den Vereinbarungen allerdings gleichzeitig, daß der vertraglich fixierte Stufenplan unbeschadet dieser Gespräche durchzuführen sei. Es wird sich also durch diese Klausel, die auf Wunsch der Unternehmerseite bei den Homburger Verhandlungen in letzter Minute akzeptiert worden ist, kaum etwas daran ändern, daß in der westdeutschen Metallindustrie in fünf Jahren die 40-Stunden-Woche Wirklichkeit sein wird.

Um den Arbeitnehmern die Wartezeit auf das lockende Fernziel zu versüßen, ist gleichzeitig eine sofort in Kraft tretende Anhebung der Löhne vereinbart worden. Vom 1. Juli 1960 an erhalten die Metallarbeiter eine Aufbesserung ihrer Tarife um 8,5 vH, und für die Zeit vom 1. Juli 1961 bis zur Ingangsetzung des Dreistufenplans, also bis zum 1. Januar 1962, wird eine weitere Lohnerhöhung um 5 vH wirksam werden.

Das ist alles in allem ein glänzendes Geschäft für die Arbeitnehmerseite. Die noch vor wenigen Monaten aufgestellte These der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände, es könnten in der Arbeitszeitfrage gegenwärtig keinerlei Zugeständnisse mehr gemacht werden, ist von den jüngsten Ereignissen ad absurdum geführt worden. Die "auf Bundesebene" anerkannten Argumente und Begründungen zerplatzen in den konkreten Einzelverhandlungen wie Seifenblasen.

Das Homburger Abkommen gilt zunächst für einen Wirtschaftszweig, dessen Sonne im Zenit steht. Aber es wird – das lehrt die Erfahrung – kein Einzelfall bleiben. Schon in den nächsten Tagen wird es sich vermutlich zeigen, daß auch die Eisen- und Stahlindustrie – deren Verhandlungspartner ebenfalls die IG Metall ist – kaum noch eine andere Wahl hat, als gleichfalls durch das Tor zu treten, das in Bad Homburg aufgestoßen wurde.

Sicher hat der DGB-Vorsitzende recht, wenn er das erste Abkommen über die Einführung der 40-Stunden-Woche als bedeutenden sozialen Fortschritt apostrophiert. Nur sollte auch über die Konsequenzen dieses Fortschritts Klarheit bestehen. Wenn die Arbeitszeit in einem Zeitpunkt eingeschränkt wird, in dem der Arbeitsmarkt keinerlei Reserven mehr aufweist, dann können Rückwirkungen auf den Produktionszuwachs nicht ausbleiben, und dann kann auch die Freude über den sozialen Fortschritt keine ungetrübte sein.

Ingrid Neumann