Kaum hat in Moskau jene Ausstellung ihre Pforten geschlossen, auf der einem staunenden Publikum nichts anderes dargeboten wurde als Flugzeugtrümmer, da wartet Nikita Chruschtschow schon mit einer neuen Abschuß-Sensation auf. Danach wurde – auf den Tag zwei Monate nach dem U 2-Zwischenfall – wieder ein amerikanisches Flugzeug vom sowjetischen Himmel geholt, diesmal im Gebiet der arktischen Halbinsel Kola.

Daß es indes wirklich sowjetischer Himmel war, in dem das US-Aufklärungsflugzeug vom Typ RB 47 von den Geschoßgarben eines roten Jägers durchbohrt wurde, vermag der polternde Herr des Kreml schwer zu beweisen. Schon hat das Weiße Haus in einer Protestnote erklärt, die sechsmotorige Düsenmaschine sei zu keiner Zeit über sowjetischem Gebiet, sowjetischen Territorialgewässern oder in sowjetischem Luftraum gewesen. Also: widerrechtlicher Abschuß über freier See.

Wenn nun also vor den Schranken eines imaginären Weltgerichts östliche gegen westliche Aussage steht, dann mag die alte Rechtsfrage "Cui bono? – Wem nützt das?" vielleicht ein wenig weiterhelfen. Für die U 2-gebrannte Eisenhower-Regierung gab es wohl kaum ein Ereignis, das sie lieber vermieden hätte (wenngleich sie natürlich die Gefahr eines navigatorischen Irrtums nicht völlig bannen kann). Chruschtschow aber, der schon so viel politisches Kapital aus dem Höhensturz bei Swerdlowsk gezogen hatte, konnte sich für seine Politik des Drohens und Schimpfens nichts Günstigeres wünschen.

Die Vereinigten Staaten als rüde Provokateure, England und Norwegen als leichtfertige Komplicen, die Sowjetunion als Unschuldsengel, der in der Stunde der Bedrohung den dreisten Eindringling nicht erst tief im eigenen Territorium (wie bei der U 2), sondern schon an der Grenze aus der Luft wischen kann – gibt es denn bessere Propagandathesen?

Sie hätten gewiß auch ihre Wirkung gehabt – am 1. Juli, dem Tag des Zwischenfalls. Doch Chruschtschow erhob seinen lauten Protest erst elf Tage danach. Warum? Die Amerikaner sagen, Moskau habe so lange warten müssen, um sicher zu gehen, daß bei der Suchaktion die Trümmer der Maschine nicht außerhalb der 12-Meilen-Zone gefunden würden. Chruschtschow wird diesen Vorwurf kaum entkräften können – und dahin ist die Glaubwürdigkeit seiner moralischen Entrüstung.

Noch einmal: Cui bono? Der Abschuß in der Arktis kam für die Sowjets allzu gelegen. Und da doch Chruschtschow sich nicht auf die Vorsehung verläßt – wer will ihm glauben, daß er nicht ein wenig nachgeholfen hat? H. G.