Im Personenverzeichnis des neuen Millionen-Films „Unter zehn Flaggen“ steht der Name eines hohen Offiziers der Bundeswehr, des Admirals Bernhard Rogge. Nicht, daß er hier spielte. Er wird gespielt. Rogge – heute Befehlshaber des Wehrbereichs I (Schleswig-Holstein/Hamburg) – ist seit zwanzig Jahren eine historische Figur. Wer ihn darstellen will, bitte sehr!

Rogges Ruhm ist, daß er als Korvettenkapitän während des Krieges einen schweren Hilfskreuzer, die Atlantis, führte und 655 Tage unterwegs blieb – die längste Kaperfahrt, die jemals unternommen wurde. Ehe sein Kreuzer selbst zugrunde ging, hatte er 22 Schiffe (von insgesamt mehr als 150 000 Tonnen) versenkt. Mit diesem militärischen und seemännischen Ruhm verbinden sich menschliche Verdienste. Rogge, Sohn eines Landrats und Enkel eines Pfarrers, hatte sich geschworen, ritterlich zu kämpfen. So grauenhaft das sinnlose Ringen der Völker war – sein Krieg war ein Abenteuer, zwar lebensgefährlich, unerhört hart, aber voller Gelegenheiten, sich nobel zu erweisen. Rogge hat die Besatzung seines Schiffes fast vollzählig nach Hause geführt; seinen Gefangenen – und er hatte deren zeitweise 900 an Bord, ist kein Haar gekrümmt worden; im Gegenteil: er hat sie nie schlechter versorgt als seine Männer.

Freundschaft verbindet den Admiral seither mit Seeleuten vieler Nationen. Alles das ist wahr und oft bestätigt worden. Und wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, so lieferte der Zufall ihn just an dem Tage, an dem der Film einem kleinen Kreis von Gästen in Hamburg vorgeführt wurde: Wir standen mittags auf der Terrasse des Hauses, das Rogge an der Elbchaussee bewohnt. Drunten, auf der Elbe, glitt ein großes britisches Schiff vorbei: die City of Durban. Ein dreifaches tiefes Tuten. Captain I. Armstrong White grüßte bei seiner Ankunft in Hamburg seinen Freund Rogge, der ihm einmal ein Schiff versenkt und ihn fünf Monate als Gefangenen an Bord der Atlantis festgehalten hatte. „Daß es eine Kameradschaft der Seefahrer gibt“, so schrieb er später, „ist außer Zweifel. Rogge bewies das auf das Vollkommenste.“

Rogge rief nach einem Tischtuch. Am anderen Ende faßte der baumlange Dr. Ulrich Mohr zu, weiland Adjutant des Atlantis-Kapitäns. So winkten sie der feierlich vorübergleitenden City of Durban, die denn auch fein höflich die Flagge dippte. Wir anderen hielten in der Hand ein Glas Sekt, in das jetzt dicke Tropfen hamburgischen Regens plumpsten.

Admiral Rogge machte also gute Miene zum vormittags gesehenen Film. Was sollte er auch anderes machen? Aber er nahm Zeitungsausschnitte zur Hand – Kritiken von den Berliner Filmfestspielen, in deren Rahmen soeben auch „Unter zehn Flaggen“ gezeigt worden war. Es waren „Verrisse“. Sie erwähnten, daß dieser Film von deutscher Heldentat italienischer Herkunft sei. (Duilio Coletti hat ihn gedreht mit dem amerikanischen Star Van Heflin, dem englischen Meisterdarsteller Charles Laughton, dem italienischen Schauspielergenie Folco Lulli und der liebreizenden französischen „Sexbombe“ Mylene Demongeot.)

Sie nannten den Film gefährlich, weil er Freude am Krieg wecken könne. Sie sagten, er sei verlogen, weil der Krieg nun eben anders gewesen sei: ein schreckliches Ereignis, kein Tummelplatz für Gentlemen. Das allerdings ist richtig. Dennoch ist dieser Film, soweit er das Geschehen dokumentiert hat, wahr, wenn nicht in jeder einzelnen Szene, so doch in der gesamten Schilderung. Nichts verkleinert, nichts vergrößert.

Woher also das Dilemma? Denkt man an den Krieg, so war das Unternehmen Rogges ein Ausnahmefall. Gottlob, daß es solche Ausnahmefälle gegeben hat! Aber so lange Zeit auch vergangen ist – noch immer läßt unser Bewußtsein, wenn der Begriff „Krieg“ auftaucht, Ausnahmefälle nicht zu, obwohl es doch andererseits gut ist zu wissen, daß ein Mann wie Rogge heute auf einflußreichem Posten dazu beiträgt, den Geist der jungen Bundeswehrsoldaten zu formen. Übrigens hat sich der Film eine Eigenschaft des Admirals entgehen lassen: seinen Humor.