Aufruhr im Kongo

Warum die Freiheit zum Verhängnis wurde

Wer von uns damals in jenen ersten dunklen Wochen des blutrot heraufziehenden Jahres 1945 seine Heimat im Osten verlassen mußte, wer vom Tisch aufstand, alles im Hause stehenließ und, ohne sich mehr umwenden zu können, dem herannahenden Unheil zu entrinnen suchte, der wird in diesen Tagen mit seinen Gedanken immer wieder bei den flüchtenden Belgiern im Kongo sein.

Annähernd 20 000 Europäer (von etwa 100 000) haben in diesen Tagen das Land verlassen. Der Mangel an europäischen Fachleuten wirkt sich verheerend auf Wirtschaft und öffentliche Dienste aus. Man muß befürchten, daß alles zusammenbricht. Nachrichten, Gerüchte, Angst und Sorge verschmelzen zu einem unentwirrbaren Knäuel. Die Panikstimmung wächst von Tag zu Tag.

Kongolesische Minister beschwören die flüchtenden Europäer, das Land nicht für immer zu verlassen. Und – dies gilt es festzuhalten – die schwarze Zivilbevölkerung ist im allgemeinen nicht feindlich, sondern verhält sich ruhig. Bisher sind es ausschließlich Angehörige der Force Publique, die meutern und die die Weißen drangsalieren.

Die Force Publique besteht aus 25 000 ausgesuchten, sorgsam ausgebildeten und vorzüglich ernährten kongolesischen Soldaten, die von etwa tausend belgischen Offizieren geführt werden. Sie, die Force Publique, galt den Belgiern immer als Garant der Ruhe und Ordnung im Kongo. Sie war ihr Stolz und der Fels, auf den sie bauten. Als ich vor vier Monaten im Kongo war, wurde ich immer wieder aufgefordert, doch ja die Force Publique und ihre vorbildlichen Kasernen zu besuchen.

Übrigens ist es nicht so, daß die gesamte Truppe meutert. Es gibt Verbände, die loyal zu ihren belgischen Offizieren stehen und zusammen mit diesen die Europäer vor dem Zugriff ihrer schwarzen Kameraden schützen.

Bisher hat niemand ein klares Bild von dem, worum es geht – ja, nicht einmal vom Ablauf des Geschehens. Ministerpräsident Lumumba hat folgende Erklärung abgegeben:

Aufruhr im Kongo

"Es handelt sich keineswegs um eine gelenkte Aktion gegen die Europäer; vielmehr bekamen die Europäer nur die Reaktion auf die Haltung der Militärs zu spüren. (Lumumba meint, General Janssens habe die Notwendigkeit von Reformen nicht einsehen wollen.) Zudem waren gewisse Europäer Ursache der Aufregung der Soldaten, indem sie ihnen erzählten, daß sowjetische Truppen landen würden, um das kongolesische Volk zu unterdrücken. Daher kam es zur Reaktion der Soldaten vom Donnerstag. Die Offiziere haben mir das einstimmig bestätigt.

Hinzu kommt, daß gewisse Oppositionsführer, die Helfershelfer unter den Soldaten haben, diese gegen die Behörden aufhetzten. Es muß ferner betont werden, daß gegen mich ein Attentatsversuch durch eine Gruppe von Belgiern unternommen wurde. Sie wurden, bis an die Zähne bewaffnet, in meiner Residenz verhaftet. Ich habe dem belgischen Botschafter van den Bosch noch in der gleichen Nacht die beschlagnahmten Waffen in meinem Büro gezeigt und ihn von der Verhaftung seiner kompromittierten Landsleute in Kenntnis gesetzt."

Belgische Hitzköpfe?

Begonnen hat das Chaos in der ersten Juliwoche mit dem Streik der Arbeiter der Otraco, einer halbstaatlichen Gesellschaft, der ein großer Teil der Verkehrsmittel des Landes untersteht. Am 5. Juli stellte dann die Force Publique in Leopoldville die ersten Forderungen. Die Regierung zeigte sich ratlos und nachgiebig. Im 90 Kilometer entfernten Thysville sperrten die Soldaten ihre Offiziere ein, plünderten Häuser und belästigten Frauen. Am 7. Juli trafen die ersten Flüchtlinge per Bahn aus Thysville ein. Es hieß, Frauen seien vergewaltigt worden. Zorn und Panik verbreiteten sich daraufhin lawinenartig in der Hauptstadt.

Vor der Wohnung des belgischen Botschafters sammelten sich noch am gleichen Tage protestierende belgische Staatsbürger. Da die Residenz Lumumbas nur etwa 50 Meter von diesem Ort entfernt ist und die Kunde über das angebliche Attentat auf Lumumba sich kurz darauf verbreitete, ist es denkbar, daß dessen Wache entweder einige Teilnehmer der Protestaktion voreilig verhaftete oder daß einige aufgebrachte belgische Hitzköpfe sich provokativ benahmen und daraufhin verhaftet wurden. Am nächsten Tag, am Sonnabend, dem 9. Juli, begannen die Ereignisse dann, sich zu überschlagen. Die Unruhewelle griff auf Katanga über, das kongolesische Ruhrgebiet.

Lumumba sprach in seiner Erklärung von "gewissen Oppositionsführern", die die Soldaten verhetzt hätten. Wahrscheinlich liegt hier ein Schlüssel zu den Ereignissen. Das, was die Situation im Kongo so gefährlich macht und was dieses Land von anderen afrikanischen Staaten unterscheidet, ist die noch vollkommen erhaltene Stammesstruktur. Der Kongo, ein Gebiet fast so groß wie Westeuropa, ist bewohnt von einer Vielzahl von meist untereinander verfeindeten Stämmen, deren traditionelle Hierarchie noch vollständig erhalten ist, weil die belgische Verwaltung sich oft der Häuptlinge als Ordnungselement bediente.

Da es nie eine nationale antibelgische Bewegung gegeben hat, die als Klammer für die Stämme hätte dienen können, da kein Nationalführer wie Nkrumah oder Sekou Touré hervorgetreten ist und nun dem neuen Staat als Symbol dienen könnte, hat bisher keine nationale Integration stattgefunden. Gegen jeden Führer oder Minister, der irgendwo auftritt, wird anderswo intrigiert: Jeder ist gegen jeden. Es gibt niemanden, der auf einen zentralen Knopf drücken und damit rechnen könnte, daß daraufhin überall Soldaten marschieren, Polizei eingreift, Beamte Anordnungen weitergeben. Im Kongo laufen solche Eefehle seit dem Rückzug der belgischen Verwaltung sehr bald gegen Loyalitätsgrenzen, also gegen lokale Stammesschranken.

Aufruhr im Kongo

Absplitterung Katangas

Das ist auch mit ein Grund für die Absplitterung Katangas, der reichsten der sechs Provinzen, die sich jetzt unter ihrem Ministerpräsidenten Moise Tschombe als selbständiger Staat konstituieren will. Für die belgischen Finanzinteressen wäre dies eine optimale Lösung, mit der viele Belgier schon vor der Unabhängigkeit liebäugelten. Die Folgen für die fünf anderen Provinzen, die bisher von Katangas Reichtum lebten, sind freilich nicht auszudenken. Auch nicht die Situation der dort lebenden Europäer, denn an ihnen würde die schwarze Bevölkerung wohl ihren Zorn auslassen über das, was die hilflose kongolesische Regierung sehr bald als den "abgekaterten Verrat" Belgiens darstellen würde.

Es scheint, daß die Belgier daher noch 2Ögern, ihre Zusammenarbeit mit der Zentralregierung des Kongos zugunsten Katangas aufzugeben. Alles wartet zunächst noch auf die Stellungnahme der UN. Aber auch die UN kann keine Wunder vollbringen, und es wäre ein Wunder, wenn die Anwesenheit militärischer Beobachter oder ziviler Verwaltungsexperten die Auflösung zum Halten brächte, die ja gerade darin besteht, daß niemand sich durchsetzen kann, weil die ganze Verwaltungsstruktur zusammengebrochen ist und die einzigen, die sie allenfalls wieder zurechtflicken könnten, die Belgier, in wilder Panik das Land verlassen.

In anderen Ländern Afrikas gibt es, wenn auch gewiß keine Schicht, so doch eine Gruppe von Politikern und Fachleuten, auf die sich die neue selbständige Verwaltung stützen kann. In Ghana waren Afrikaner bis zum Hauptmann aufgestiegen, als der Staat unabhängig wurde – im Kongo gab es noch nicht einmal Unteroffiziere. In Ghana gab es Politiker und Rechtsanwälte, die vor 30 Jahren ihr Studium abgeschlossen hatten; in Nigeria sind ein Drittel des Lehrkörpers der Universität Afrikaner – im Kongo gibt es in ganzen nur zwei Dutzend frischgebackener Akademiker.

Kaum zwei Wochen nach der Unabhängigkeitserklärung herrscht totale Anarchie im Kongo. Ministerpräsident Verwoerd in Südafrika und sein Kollege Sir Roy Welensky in der rhodesischen Föderation triumphieren: "Das haben wir gleich gesagt." Wobei sie vergessen, was sie sonst noch alles zu sagen pflegten.

Bis vor zwei Jahren haben sie nämlich erklärt: "Die Engländer mit ihrer Erziehung zur Selbstregierung machen alles kaputt. Die einzigen, die es richtig machen, sind die Belgier: Volksschule und soziale Betreuung, aber keine höhere Schulbildung und keine politischen Rechte, das ist das Geheimnis." Jetzt aber hat sich deutlich gezeigt, daß die Engländer recht hatten und daß die belgische Methode verkehrt war.

Die Belgier pflegten die kongolesische Bevölkerung in coutumier und extra-coutumier einzuteilen. Also in solche, die noch nach der traditionellen Sitte leben, und solche, die außerhalb der Tradition stehen. Von 1939 bis 1959 ist der Anteil der letzteren, also der extra-coutumier, von 10 auf 23 vH gestiegen. Fast ein Viertel der Bevölkerung ist also aus der geschlossenen Welt der Stammesgesetze herausgewachsen und hat damit seinen Halt verloren; dennoch wurde nichts getan, um diese Leute politisch und geistig in der neuen Welt zu verankern. Sie bekamen gute Löhne und Wohnungen, wurden aber nicht auf die neue technokratische Welt und die politische Demokratie vorbereitet.

Es ist tragisch, daß Völker aus ihren Fehlern nie lernen können, weil es immer schon zu spät ist, wenn sie ihnen klar werden. Darum möchte man wünschen, daß wenigstens andere daraus lernen. Marion Gräfin Dönhoff