Absplitterung Katangas

Das ist auch mit ein Grund für die Absplitterung Katangas, der reichsten der sechs Provinzen, die sich jetzt unter ihrem Ministerpräsidenten Moise Tschombe als selbständiger Staat konstituieren will. Für die belgischen Finanzinteressen wäre dies eine optimale Lösung, mit der viele Belgier schon vor der Unabhängigkeit liebäugelten. Die Folgen für die fünf anderen Provinzen, die bisher von Katangas Reichtum lebten, sind freilich nicht auszudenken. Auch nicht die Situation der dort lebenden Europäer, denn an ihnen würde die schwarze Bevölkerung wohl ihren Zorn auslassen über das, was die hilflose kongolesische Regierung sehr bald als den "abgekaterten Verrat" Belgiens darstellen würde.

Es scheint, daß die Belgier daher noch 2Ögern, ihre Zusammenarbeit mit der Zentralregierung des Kongos zugunsten Katangas aufzugeben. Alles wartet zunächst noch auf die Stellungnahme der UN. Aber auch die UN kann keine Wunder vollbringen, und es wäre ein Wunder, wenn die Anwesenheit militärischer Beobachter oder ziviler Verwaltungsexperten die Auflösung zum Halten brächte, die ja gerade darin besteht, daß niemand sich durchsetzen kann, weil die ganze Verwaltungsstruktur zusammengebrochen ist und die einzigen, die sie allenfalls wieder zurechtflicken könnten, die Belgier, in wilder Panik das Land verlassen.

In anderen Ländern Afrikas gibt es, wenn auch gewiß keine Schicht, so doch eine Gruppe von Politikern und Fachleuten, auf die sich die neue selbständige Verwaltung stützen kann. In Ghana waren Afrikaner bis zum Hauptmann aufgestiegen, als der Staat unabhängig wurde – im Kongo gab es noch nicht einmal Unteroffiziere. In Ghana gab es Politiker und Rechtsanwälte, die vor 30 Jahren ihr Studium abgeschlossen hatten; in Nigeria sind ein Drittel des Lehrkörpers der Universität Afrikaner – im Kongo gibt es in ganzen nur zwei Dutzend frischgebackener Akademiker.

Kaum zwei Wochen nach der Unabhängigkeitserklärung herrscht totale Anarchie im Kongo. Ministerpräsident Verwoerd in Südafrika und sein Kollege Sir Roy Welensky in der rhodesischen Föderation triumphieren: "Das haben wir gleich gesagt." Wobei sie vergessen, was sie sonst noch alles zu sagen pflegten.

Bis vor zwei Jahren haben sie nämlich erklärt: "Die Engländer mit ihrer Erziehung zur Selbstregierung machen alles kaputt. Die einzigen, die es richtig machen, sind die Belgier: Volksschule und soziale Betreuung, aber keine höhere Schulbildung und keine politischen Rechte, das ist das Geheimnis." Jetzt aber hat sich deutlich gezeigt, daß die Engländer recht hatten und daß die belgische Methode verkehrt war.

Die Belgier pflegten die kongolesische Bevölkerung in coutumier und extra-coutumier einzuteilen. Also in solche, die noch nach der traditionellen Sitte leben, und solche, die außerhalb der Tradition stehen. Von 1939 bis 1959 ist der Anteil der letzteren, also der extra-coutumier, von 10 auf 23 vH gestiegen. Fast ein Viertel der Bevölkerung ist also aus der geschlossenen Welt der Stammesgesetze herausgewachsen und hat damit seinen Halt verloren; dennoch wurde nichts getan, um diese Leute politisch und geistig in der neuen Welt zu verankern. Sie bekamen gute Löhne und Wohnungen, wurden aber nicht auf die neue technokratische Welt und die politische Demokratie vorbereitet.

Es ist tragisch, daß Völker aus ihren Fehlern nie lernen können, weil es immer schon zu spät ist, wenn sie ihnen klar werden. Darum möchte man wünschen, daß wenigstens andere daraus lernen. Marion Gräfin Dönhoff