Der Kurs der Daimler-Aktien hat in diesen Tagen den ungewöhnlich hohen Stand von rund 7000 Prozent erreicht. Eine Aktie über nominell 100 DM muß an der Börse also mit 7000 DM bezahlt werden. Der Kurswert der gesamten Daimler-Aktien beträgt bei einem Grundkapital von rund 72,1 Mill. DM demnach knapp 5,4 Mrd. DM. Aber ist das die Daimler-Benz AG, Stuttgart, tatsächlich wert? Der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens, Dr. Fritz Könecke, hat diese Frage auch auf der diesjährigen Pressekonferenz mit einem entschiedenen "Nein" beantwortet. Das will an sich nichts besagen, denn wer in den letzten Jahren Vorstandsmitglieder gefragt hat, was sie von dem Börsenkurs ihrer Aktien halten, bekam in den meisten Fällen die Antwort: Zu hoch! Und die Kurse sind doch weiter gestiegen. Die Börse legt ihre eigenen Maßstäbe an. Sie berücksichtigt auch die Zukunft, die sich in den Bilanzen des Unternehmens natürlich noch nicht niederschlägt. In der Regel ist die Masse der Aktionäre in dieser Beziehung sehr viel optimistischer als die Unternehmensleitung, die nur zu gut weiß, wie schwer es ist, sich im harten Wettbewerb zu behaupten. Deshalb ist die meist vorsichtigere Beurteilung der Vorstände durchaus verständlich.

Wer versuchen will, die Berechtigung des Daimler-Kurses zu ergründen, wird sich zunächst drei Fragen vorlegen müssen: 1. Ist er von der Rendite her gerechtfertigt Die Antwort muß wohl oder übel lauten: Nein. Ohne Einschränkung, wenn man nur die Dividende als Rendite rechnet. Für 1959 wird auf das alte und das im Verhältnis 1 : 1,5 Mill. DM erhöhte Aktienkapital von 180,4 Mill. eine Dividende von 12 vH verteilt. Auf das alte Grundkapital von 72,2 Mill. – und davon muß man in diesem Jahr noch ausgehen – sind das 30 vH, nach 18 vH für 1958. Bei einem Kurs von 7000 Prozent käme man auf eine Rendite von 0,4 vH. Dieser Satz reizt bestimmt nicht zum Kauf von Daimler-Aktien.

Aber gerade bei Daimler wissen wir, daß stets nur ein kleiner Teil des Gewinnes an die Aktionäre direkt zu gehen pflegt. Im Geschäftsjahr 1959 ist es nur etwa ein Sechstel des versteuerten Jahresgewinnes. Bei 173 (150) Mill. DM Ertragssteuern liegt er nach Angaben der Verwaltung etwa bei 130 Mill. DM. Davon werden nur etwa 21,6 Mill. als Reingewinn ausgewiesen. Das ist auf den Dividendenvorschlag zugeschnitten. 22,8 Mill. DM wurden der Rücklage zugewiesen, 0,5 der Rücklage für die Vermögensabgabe. 39,5 Mill. wurden zu Abschreibungen auf die Beteiligungen verwandt, wobei Daimler von vornherein nicht damit rechnet, daß diese Abschreibungen "steuerlich anerkannt" werden. Nach diesen Abschreibungen erscheinen die erheblichen Auslandsbeteiligungen nur noch mit Merkposten in der Bilanz. Weitere 8,1 Mill. wurden für Steuernachzahlungen verbraucht. Es verbleibt ein Rest von rund 37 Mill. DM. Hier wird man weitere Abschreibungen finden, die über das steuerlich zulässige Maß hinausgehen, womit also neue stille Reserven gebildet werden. Daneben sprach der Vorstand von erheblichen Zuwendungen an Stiftungen und von Spenden, an denen ein Unternehmen wie Daimler nun einmal nicht vorbeikommt. Sieht man sich die Zahlen an, so kommt man zu dem Schluß, daß zur "inneren Stärkung" des Unternehmens auch im Jahre 1959 wieder ein hübscher Betrag übriggeblieben sein muß, der dem Aktionär in der einen oder andere Form eines Tages zugute kommen wird. Vielleicht wieder in Zusatzaktien! Jedenfalls wäre es falsch, die Daimler-Rendite nur nach der Dividende zu errechnen. Wenn man so will, kann man sagen, daß für den Aktionär in dieser oder jener Weise 100 Prozent "hängengeblieben sind".

Aber bei einem Kurs von 7000 Prozent ist auch dann die Rendite noch recht bescheiden, ja selbst, wenn man über die 100-Prozent-Grenze hinausgehen würde. Und wer so rechnen will, findet auch noch andere Gesellschaften, bei denen die Verhältnisse ähnlich liegen und die längst nicht die enorme Kurshöhe von Daimler erreicht haben.

Kommen wir zur Frage 2: Rechtfertigt die vorhandene Substanz den Kurs? Von der Bilanz aus läßt sich diese Frage ebenfalls nur mit nein beantworten. Das muß man auch dann, wenn man davon ausgeht, daß noch beträchtliche stille Reserven vorhanden sind. Um Wertberichtigungs-Aktien im Verhältnis 1 : 1,5 ausgeben zu können, hat die Verwaltung beim Umlaufsvermögen 40 Mill. DM stille Reserven aufgelöst, die bereits versteuert waren. Damit ist sicherlich nicht alles auf den Tisch, gelegt. Beim Anlagevermögen dürfen ebenfalls recht hübsche Polster vorhanden sein. Aber offene und stille Reserven können das Eigenkapital niemals so weit abstützen, daß man einen Kurs von 7000 Prozent für gerechtfertigt halten darf.

Bleibt die Frage 3: Gibt es im Falle Daimler Interessenten, für die die Daimler-Aktie auch zu 7000 vH noch interessant ist? Bei der Antwort hierauf ist man auf Vermutungen angewiesen. Hauptaktionär ist die Flick-Gruppe, deren Anteil sich auf über 40 vH des Kapitals belaufen dürfte. Das ist aber die unterste Grenze. Ob Flick bereits über 50 vH verfügt, war der Anwesenheitsliste der Aktionäre auf der letzten Hauptversammlung nicht zu entnehmen; der Hauptversammlung;majorität ist Flick bei Daimler jedoch auf alle Fälle sehr nahe. Die Gruppe Quandt verfügt über einen Anteil von rund 13 vH, weiterer Großaktionär ist die Deutsche Bank mit Eigenbesitz und vertretenen Depotstimmen. Das flottante Aktienmaterial kann bei Daimler nur noch sehr klein sein. Tatsächlich bringt man heute mit einem Kaufauftrag von wenigen hundert Mark (nominell) den Kurs ohne weiteres um mehrere hundert Punkte nach oben. Nach den Kurssteigerungen der letzten Monate ist es begreiflich, wenn alte Daimler-Kleinaktionäre nicht daran denken, sich von ihrem Besitz zu lösen. 15 Daimler-Aktien über je nom. 1000 DM reichen heute aus, um Millionär (auf dem Papier) zu sein. Es besteht bei den Daimler-Aktien eine ungewöhnliche Marktenge, und wenn aus den USA Kaufaufträge kommen (und das gibt es), dann springt das Papier schnell nach oben. Natürlich kann nicht ausgeschlossen werden, daß der eine oder andere Großaktionär seinen Besitz abzurunden versucht, aber sehr wahrscheinlich ist das nicht. Die Würfel bei Daimler sind in dieser Beziehung schon gefallen.

Natürlich hat sich die SPD die Gelegenheit nicht entgehen lassen, am Beispiel des Daimler-Kurses die "Fragwürdigkeit unserer Gesellschaftsordnung" aufzuzeigen. Die Schlagworte vom "arbeitslosen Einkommen" tauchen wieder auf, ohne Rücksicht darauf, daß es auch der SPD nahestehende Institutionen gibt, die von den Aktien-Kursgewinnen der letzten Jahre profitiert haben. Bei Daimler haben übrigens die Belegschaftsvertreter im Aufsichtsrat der vorgesehenen Aufstockung des Daimler-Kapitals aus Rücklagen nicht zugestimmt. Sie meinten, daß die Rücklagen von der Belegschaft erwirtschaftet worden sind und daß infolgedessen auch der Belegschaft ein Anteil daran gebühre.