Der Verlauf der Hauptversammlung der Rheinischen Stahlwerke, Essen, konnte von der Verwaltung unbedingt als ein "Ende gut – alles gut" für ihr anhaltend diskutiertes Arrangement mit Dr. Friedrich Flick gewertet werden. Nach einer in den letzten Wochen manchmal spürbar gewordenen Stimmungsmache gegen die Rheinstahl-Verwaltung war mancherorts mit einem sehr kritischen Aktionärsecho in der Hauptversammlung gerechnet worden. Aber die Veräußerung des Dynamit-Paketes an die Flick-Gruppe hat offenbar keinen Sprengstoff bei Rheinstahl zurückgelassen. Die Tatsache selbst, daß sich der Essener Montan- und Verarbeitungskonzern von der Troisdorfer Chemie-Beteiligung getrennt hat, wurde von keinem der anwesenden Aktionäre kritisiert.

Die von dem Vorstandsvorsitzenden Dipl.-Kfm. Werner Söhngen hierzu nochmals vorgetragene ausführliche Begründung dieses Schrittes kam offensichtlich gut an. Söhngen betonte noch einmal das Dilemma, das für Rheinstahl darin bestanden habe, die Beteiligung an der Dynamit AG vormals Alfred Nobel, Troisdorf, die dem Konzern im Jahre 1953 gegen Hergabe von nom. 38 Mill. RM Aktien der Riebeck’sche Montanwerke AG, Halle, zugefallen war, nicht unternehmerisch nutzen zu können. Er erinnerte daran, daß zugleich mit Rheinstahl die Schweizer Bührle-Gruppe als Großaktionär bei Dynamit Nobel auf den Plan getreten ist. Damit war von Anfang an eine entscheidende Einflußnahme auf dieses Unternehmen ausgeschlossen. "Der Versuch etwa, bei der Dynamit AG die Majorität zu erlangen", so führte Söhngen aus, "hätte einen Einsatz von Mitteln gefordert, deren Höhe wir unsern Aktionären nicht zumuten konnten ... Man könnte uns möglicherweise in diesem Zusammenhang entgegenhalten, daß es aber doch Herrn Dr. Flick gelungen sei, zu einer beherrschenden Stellung bei Dynamit zu gelangen. Dazu muß ich bemerken, daß Herr Flick sich in einer anderen Position befand als wir. Er konnte beim Erwerb seiner Dynamit-Beteiligung einen sehr hohen Preis zahlen, da er über das Schicksal seines Unternehmens allein bestimmt. Er hat den hohen Preis im übrigen auch nur angelegt, weil er von vornherein beabsichtigte, vom Umwandlungsgesetz Gebrauch zu machen. In diesem Punkt war Rheinstahl als eine Publikums-Aktiengesellschaft mit vielen Kleinaktionären zu einer anderen Betrachtungsweise gezwungen."

Daß es unter diesen Umständen im Dezember vorigen Jahres für Rheinstahl "ein Gebot der Stunde" gewesen sei, "die sich bietende Chance einer günstigen Veräußerung der Dynamit-Aktien an die interessierte Flick-Gruppe auszunutzen", nahmen die Aktionäre widerspruchslos hin. Eine Diskussion gab es allerdings um die Höhe der Barabfindung, die das Essener Unternehmen neben den Aktien der Gußstahlwerk Witten AG noch erhalten hat. Die Beschwörungsformel des Vorstandes, es sei "ein Jammer, daß Gesellschaften wie die unsrige aus vielerlei Gründen gezwungen sind, Zurückhaltung zu üben in der Bekanntgabe von Überlegungen, die letztlich für wichtige Beschlüsse entscheidend gewesen sind. Hier müssen wir einfach unsere Aktionäre um Vertrauen bitten...", hat die Versammlung offenbar nicht restlos überzeugt. Unzufriedenheit zeigte sich vor allem, – als der Vorstand auf Anfrage freimütig zugab, daß beide Partner – also nicht nur Flick, sondern auch Rheinstahl – an der Geheimhaltung des Kaufpreises interessiert waren. Der Vertreter der Schutzvereinigung kritisierte diese Haltung und sah darin eine "Grundfrage des Aktienrechtes berührt". Auf den Einwand eines Aktionärs, die HV habe ein Recht darauf, den genauen Veräußerungsgewinn zu erfahren, berief sich Vorstandsvorsitzer Söhngen auf den Auskunftsverweigerungsparagraphen des Aktiengesetzes.

Überraschend meldete sich in der Debatte der Generalbevollmächtigte des Münchener Bankhauses Merck, Finck & Co. zu Wort, das als zweiter Großaktionär der Gußstahlwerk Witten AG Wert auf die Feststellung legte, daß über diese Beteiligung zwischen Rheinstahl und Merck, Finck 81 Co. "noch gewichtige Verhandlungen" im Gange seien. Rheinstahl beantwortet diese – offenbar auch die Verwaltung überraschende Erklärung – mit dem Hinweis, man hoffe, die bisher loyale Zusammenarbeit auch in Zukunft fortsetzen zu können. Dieses Intermezzo war kurz und wahrscheinlich bedeutungsvoller als es zunächst schien.

Der diesjährige Dividendenvorschlag der Rheinischen Stahlwerke – 12 vH plus 10 vH Sonderbonus – fand eine nahezu einstimmige Billigung. Dagegen fanden die vorgeschlagenen Bedingungen der Kapitalerhöhung keine ungeteilte Gegenliebe bei den Anteilseignern. Der von Rheinstahl gewählte Ausgabekurs von 180 vH war vielen Sprechern zu hoch. Mehr als 600 000 DM stimmten gegen diesen Punkt der Tagesordnung. Nmn.

Die AG für Verkehrswesen und Industrie (Frankfurt/M.), die an rund 30 Verkehrsunternehmen, Bau- und sonstige Industrieunternehmen beteiligt ist, schlägt die Erhöhung des Grundkapitals aus Gesellschaftsmitteln im Verhältnis zwei zu eins um 9,5 Mill. DM auf 28,5 Mill. DM vor, mit Gewinnbeteiligung der neuen Aktien ab 1. Januar 1960 (rep. 60). Der Hauptversammlung am 21. Juli wird für 1959 unverändert 14 vH Dividende auf das inzwischen auf 19 (i. V. 18) Mill. DM erhöhte Grundkapital vorgeschlagen. Die Mittel aus der Kapitalerhöhung 1959 dienten zum Teil zur Abfindung der bei der Umwandlung der Wayss & Freytag ÄG in eine Kommanditgesellschaft ausscheidenden Aktionäre. Das bei der Kapitalerhöhung erzielte Agio von rund 3,85 Mill. DM wurde der gesetzlichen Rücklage zugeführt, die sich dadurch auf 20,48 Mill. DM erhöht hat, daneben noch 1,5 Mill. DM freie Rücklage. Auch für 1960 wird wieder mit einem angemessenen Ertrag gerechnet.