v. L., München

Das Beste wäre verreisen. Möglichst weit weg", sagen sich viele Münchner. Allein, es bleibt beim Wunsch. Bei den einen, weil über sie eine Urlaubssperre verhängt worden ist, bei den anderen, weil sich Verwandte oder Freunde angemeldet haben. Und schließlich gibt es auch viele, die am Kongreß teilnehmen wollen.

Der Kongreß, nämlich der Eucharistische Weltkongreß 1960, steht im Mittelpunkt Münchner Unterhaltungen. Eine Woche lang, vom 31. Juli bis zum 7. August, wird er katholische Gläubige aus aller Welt in der bayerischen Metropole zusammenführen. Das brennendste Problem für die Münchner aber ist: Wie erreiche ich während dieser Tage meinen Arbeitsplatz?

Gemessen an der religiösen Bedeutung des Kongresses mag diese Frage Nicht-Münchnern lächerlich oder gar blasphemisch erscheinen; aber es gibt tatsächlich Isarstädter, die sich ernsthaft darauf einrichten, während der Kongreßwoche in ihrem Büro zu kampieren. Dazu gehört außer Bettzeug auch ein entsprechender Vorrat an Konserven. Wer zum Essen nicht nach Hause gehen kann, wird aus der Büchse leben müssen.

München ist jene Stadt, in der mit zuverlässiger Regelmäßigkeit jedweden Nachmittag der Verkehr zusammenbricht. Zwischen Hauptbahnhof und Feldherrnhalle sammeln sich Autoschlangen von derartiger Länge an, daß sie, vorn durch Rotlicht gestoppt, hinten noch Querstraßen blockieren. Ihren Höhepunkt erreichen diese chaotischen Zustände während der Urlaubszeit, wenn Reisende aus ganz Europa und dem Nahen Osten München besuchen und sich von den ungewohnten Verkehrsverhältnissen verwirren lassen. Zu diesen jahresüblichen Touristen kommen heuer außerdem die Besucher der Passionsspiele in Oberammergau und Erl, die München noch einige Tage genießen wollen, ferner alle die Vorsichrigen, die Rom vor der Olympiade in Ruhe besichtigen möchter und auf der Fahrt dorthin in München aussteigen, und schließlich die Kongreßteilnehmer. Deren Zahl wird von den zuständigen Stellen auf 1,3 Millionen taxiert.

Die Kongreßteilnehmer sollen bis zu 100 Kilometer von München entfernt untergebracht werden. Ein Pilger aus Essen oder Rio de Janeiro, der beispielsweise in Regensburg wohnt, wird sich also in den frühen Morgenstunden zum Bahnhof begeben, dort in einen überfüllten Zug einsteigen und, nach stundenlanger Fahrt, irgendwo weit entfernt vom Münchner Zentrum abgesetzt werden. In der stechenden Augustsonne wird er dann fünf oder mehr Kilometer zu Fuß wandern müssen.

Davon, daß dieser Mann, wenn ihn zu hungern beginnt, eine beliebige Gaststätte besucht, kann natürlich keine Rede sein. Münchens Restaurateure errechneten im Frühjahr, daß sie allenfalls 100 000 zusätzliche Mahlzeiten täglich schaffen können, vorausgesetzt, daß jeder Gast seinen Stuhl sofort räumt, wenn er sein Essen verzehrt hat, und daß sich genügend Küchenhilfskräfte finden. (Freiwillige sollen zum Kartoffelschälen und Geschirrspülen eingesetzt werden.)