Der Mann ist seit drei Jahren tot, und wäre seine kurze politische Rolle nicht so ungemein dramatisch und lehrreich, könnte man ihn in Ruhe lassen, obwohl ers nicht- verdient. Sein plötzlicher Aufstieg, die fünf Jahre seiner Macht und sein Sturz sindaufschlußreicher_a;ls die dicktypischen Krankheiten, und der Name MeCarthy bezeichnet eine sehr gefährliche und ansteckende. Zwar hat das betroffene Land, die Vereinigten Staaten von Amerika, sie einigermaßen überstanden und ausgeschieden, aber doch nicht ganz ohiie leichte Nachwirkungen und Spätschäden, auf die man gelegentlich stößt. Einer dieser Spätschäden scheint mir die eigenartige Verhärtung der Chinapolitik Amerikas zu sein.

Anlaß und Grundlage dieses Berichts äst das gescheite, vorzüglich geschriebene und dokumentierte Buch von Richard H. Rovere, dem Washingtoner Korrespondenten des "New Yorker", der nicht genug zu preisenden und wohl besten külturkritischen Zeitschrift des ganzen Westens. Rovere hat seinen Gegenstand MeCarthy im Leben aufmerksam verfolgt und beobachtet und nach seinem Tode in angemessener Distanz das Ergebnis seiner Beobachtung und seiner Forschung vorgelegt.

rer in den ersten Jahren der westdeutschen Demokratie, hat in seiner scharf preußischen Art einmal den Nationalsozialismus den Appell an den inneren Schweinehund im Menschen geheißen. Rovere meint etwa dasselbe, wenn er sagt, niemand habe so wie MeCarthy einen sicheren und schnellen Zugang zu den dunklen Stellen des amerikanischen Charakters gefunden. Ich will, im großen und ganzen Rovere folgend, in aller Kürze erzählen, wie das vor sich ging.

MeCarthy ist im Jahre 1908 geboren worden. Mit 31 Jahren wurde er in einer Kleinstadt in Wisconsin zum Richter gewählt und im Jahre 1946 zum Senator des Staates Wisconsin Über beiden Wahlen liegen, wie wir wissen, gewisse moralische Schatten. Er war Senator der republikanischen "Partei. Bisher war Robert La Follette jr. Senator von Wisconsin gewesen, ein sehr angesehener Jurist und Politiker, Sohn einer großen Gestalt der amerikanischen Politik (Robert La Follette jr ist nach seiner Verdrängung durch MeCarthy Ankläger im Nürnberger Juristenprozeß gewesen und später Militärgouverneur in Württemberg Baden. Er dürfte noch manchem Deutschen als ehrenwerter, leidenschaftlich rechtDer McCarthysche Instink und das Talent war, weil er mit bisher unerhörter Kühnheit für Publizität waren ungemein. Er wußte, wie er log, weil er ganz neue Arten von Lügen erfand, die Reporter ziL nehmeji hatte, wai_jjnd jwann gerade deshalb LJehlteji jejierL Zekungen ichcr und aufrichtiger Mensch in Erinnerung sein. | Man erfährt jetzt, daß er im Jahre 1953 in Washington Selbstmord begangen hat ) Bis zum Jahre 1950 ist MeCarthy nur durch zweifelhafte, ja korrupte Methoden im Wahlkampf und in der Mandatsausübung aufgefallen. Mit Kommunismus oder Kommunisten hatte er sich nie beschäftigt. Auf der Suche nach Mitteln zur Steigerung seiner Publizität ist er nach einigen. Versuchen in anderer Richtung auf den Kommunismus gestoßen; wie ein Erdölsucher war er überrascht von dem Druck, mit dem hier plötzlich Publizität herausschoß. Zwar hatte er nicht Kommunisten entdeckt, aber doch jenen "inneren Schweinehund" im Amerikaner gefunden. Es war ihm gelungen, dem populären Bedürfnis nach Haß, Aggressivität und Neid Befriedigung zu verschaffen. Er hat einen Feind hergeschafft, so etwa wie Hitler die Juden. Im Februar 1950 hat er in der Kleinstadt Wheeling in West Virginia vor einem republikanischen Damenklub jene Rede gehalten, mit der seine kometenhafte Laufbahn als politischer Star begann. Er schwenkte ein Blatt Papier und rief: "Hier auf dieser Liste stehen die Namen von 205 Leuten, die im State Department arbeiten und die, was der Staatssekretär weiß, Mitglieder der kommunistischen Partei sind; sie bestim( inen die Politik des State Departments " [ Das war purer Schwindel. Er wußte keinen [ einzigen Kommunisten, weder namentlich noch sönstwie, aus dem State Department anzugeben, noch war dem Staatssekretär irgend etwas bekannt über Kommunisten in seiner Behörde. Es ergab sich, daß er keine Liste hatte und daß auf dem Blatt Papier überhaupt keine Namen standen. Aber der Coup war Eealückt. Die große Publizität Jetzt erst zeigte sich das eigentliche Talent des Demagogen: Mit einem Minimum, ja mit einem Null an Tatsachen und, Kenntnissen einen politischen Feldzug zu führen. Allerdings mag ihm dabei geholfen haben, daß der Koreakrieg zwei Monate danach ausbrach. Im Krieg vermehrt sich ja der Furcht- und Haßbazillus, auf dem diese Art von Politikern gedeiht, besonders stark. Daß es gerade der Demokrat Trttman war, der den Krieg gegen die Kommunisten führte, hielt ihn nicht ab, die demokratische Verwaltung von Truman als ein kommunistisches Nest zu verleumden. Zudem war er auf Truman böse, weil er ihn m:t dem Koreakrieg eine Zeitlang aus den Schlagzeilen der Zeitungen verdrängt hatte. MeCarthy war der Meister der persönlichen Denunziation. Gemeinhin hat er nicht irgendeine Politik angegriffen, sondern in erster Linie Peisonen, was ja bekanntlich viel wirksamer ist, und darin hat er es zur Vollkommenheit gebrach;. Seine Spezialität war, wie Rovere sagt, die mulDas war ein kalkuliertes System der Lüge: Widerlegte man eine seiner Behauptungen, so schien die nächste damit bestätigt. Hielt man ihm die eine Lüge vor, verteidigte er sich mit einer anderen. Es zeigte sich, daß zweierlei zum Erfolg gehörte: in erster Linie, daß ein akutes, populäres Interesse an der Lüge, sozusagen eine Atmosphäre für die Lüge bestand, und in zweiter Linie, daß die Opfer oder die, die die Opfer hätten schützen sollen, zu schwach oder zu zaghaft oder zu feige waren, sich zu wehren, was allerdings auch wieder von der Atmosphäre abhing. Wichtig ist es auch, den Eindruck zu erwecken, als ob man geheime und besondere Quellen der Information habe. Sein wichtigstes Handwerkszeug war die pralle, angeblich mit Dokumenten gefüllte Aktenmappe, mit der er durch die Korridore eilte und in den Komiteesitzungen erschien. Seine Spezialität war die Photokopie, die heutzutage eine geradezu magische Wirkung ausübt. Rovere erzählt von sich, wie ihn MeCarthy einmal mit einer solchen Mappe voll Photokopien hereingelegt habe. Die genaue Lektüre habe aber gezeigt, daß sie rein gar nichts von Belang enthielten . Aber zurück zur großen, multiplen Lüge vom Februar 1950 über die Liste der 205 Kommunisten im State Department. MeCarthy hat anschließend die Zahl mehrfach gewechselt. Sowohl die Maßlosigkeit wie die Widersprüche und überhaupt die von ihm bei seinen späteren Äußerungen absichtlich angerichtete Konfusion darüber, was er gesagt habe und sagen wolle — alles schlug zu seinem Vorteil aus. Damit wurde das Thema warmgehalten, und es wurde unmöglich, ihn genau zu widerlegen. Es zeigte sich in der folgenden Senatsuntersuchung, daß der erste jener zahlreichen "Kommunisten" des State Departments, den er schließlich am 7. März 1950 mit Namen nannte, eine Rechtsanwältin aus New York, weder Kommunist noch Angehöriger des State Department war oder je gewesen war. Fast fünf Jahie lang ist es ihm mit diesen Methoden gelungen, eine Nation in Atem zu halten und überall in der Welt zum Begriff zu werden, Nachahmer und Nacheiferer zu finden.

Schon einige Wochen nach dem Auftritt in Wheeling tauchte das Wort "McCarthyismus" auf. Wir Deutschen haben allerdings wenig Grund, uns darüber zu wundern, wie ein gebildete Nation einem lügenhaften Demagogen in die Falle geht, und wir haben uns auch seit dessen schrecklichem Ende noch manches vorspiegeln lassen. Aber desto interessanter muß uns die Erklärung der amerikanischen Vorgänge sein.

richten über sich mit neuen Sensationen überdecken konnte. Vor allem: er hatte immer etwas, und wenn es auch erlogen war, und er hatte Dokumente. Schon der Anblick eines Reporters setzte offenbar seinen Geist in Trab. Aber auch, wenn ihn seine Erfindung im Stich ließ, wußte er, wie er in die Nachrichten kommen konnte. Er erfand zum Beispiel die Pressekonferenz am Morgen, zu der die Reporter strömten, um gesagt zu bekommen, daß er heute nachmittag eine neue Enthüllung bringen werde. So erreichte er in den Mittagsblättern diese Ankündigung und in den Blättern des nächsten Morgens irgendeine gleichfalls ausweichende Erklärung, etwa, daß er noch einen Zeugen für eine geheimnisvolle Enthüllung suche.

Dabei zeigte sich jene verhängnisvolle Verwirrung, in die das moderne Nachrichtenwesen überhaupt zuweilen zu geraten scheint: nämlich die Identifizierung von Tatsache und Nachricht. Für Amerika, in dem dies besonders deutlich wird, hat ein gescheiter Kenner und Beobachter — Dwight gesprochen. Eben diese Verwirrung hat dazu beigetragen, daß viele kluge und sonst mutige Journalisten im Fall MeCarthy so lange nicht der Katze die Schelle umgehängt und gesagt haben, was sie von ihm hielten, oder wenigstens die Veröffentlichung abgelehnt haben. Denn sie hatten, so meinten sie, darüber zu berichten, was ein Senator behauptete. Es war zwar keine Tatsache, daß Mrs. K für das State Department arbeitete, aber es war eine Tatsache, daß MeCarthy es behauptet hatte.