Washington, im Juli Noch nie seit der ersten Wahl Abraham Lincolns vor genau hundert Jahren gingen bei dem Wettkampf um das höchste Amt der Vereinigten Staaten die Streitfragen so durcheinander. Diese Verwirrung spiegelt sich auf das deutlichste in der Uneinigkeit innerhalb der beiden großen Parteien.

Kurz bevor in Los Angeles der Parteikonvent der Demokraten zusammentrat, erklärte der frühere Präsident Harry S. Truman, er werde nicht als Delegierter an die Pazifik-Küste kommen. In aller Öffentlichkeit begründete er diesen Entschluß so: Der Parteikonvent sei zu Gunsten des Senators John F. Kennedy "vorarrangiert" worden. Und dann ließ der große alte Mann der Demokraten wissen, seiner Meinung nach sei dieser Politiker, der da als demokratischer Präsident in das Weiße Haus einziehen solle, nicht "reif und erfahren" genug, um mit der "Situation fertig zu werden, der wir uns heute in der Welt gegenübersehen".

Nur ein paar Tage vorher hatte Nelson A. Rockefeller, der republikanische Gouverneur von New York, einen vergleichbaren Vorwurf gegen Vizepräsident Nixon erhoben, den Mann also, der mit allergrößter Wahrscheinlichkeit auf dem Parteikonvent der Republikaner Ende Juli in Chikago zum Präsidentschaftskandidaten nominiert werden wird. Nixon fehle es – so Rockefeller – angesichts dieser kritischen Wegscheide der amerikanischen Geschichte an "Aufrichtigkeit und Mut". Er lasse das Volk nicht die volle Wahrheit wissen.

Dem nüchternen Beobachter scheinen diese beiden Kritiken übertrieben. Zwar ist Senator Rede: "Seine hervorragende Tapferkeit, Ausdauer und Führungsgabe waren den besten Traditionen der Marine der Vereinigten Staaten würdig."

Desgleichen läßt sich nicht behaupten, Nixon (übrigens nur vier Jahre älter als Kennedy) habe es während seiner meteorgleichen politischen Karriere je an Offenheit fehlen lassen. Als Vizepräsident kann Nixon natürlich keine Kritik an seinem Chef üben. So läßt sich also die Attacke Kennedy wirklich erst dreiundvierzig, aber er hat sich immerhin in 14 Arbeitsjahren im Abgeordnetenhaus und im Senat bewährt. Während des Zweiten Weltkrieges wurde das kleine Patrouillenboot, das er kommandierte, bei den Philippinen von einem sehr viel größeren japanischen Zerstörer versenkt. In der Verleihungsurkunde des Ordens, den Leutnant Kennedy erhielt, war – selbst damals – von Unreife durchaus nicht die Rockefellers – ebenso wie die Attacke Trumans – wohl am besten abtun als persönliche Eifersucht und Enttäuschung.

Doch ist die bloße Tatsache, daß solche Vorwürfe erhoben werden, bezeichnend für die Bitterkeit und die Uneinigkeit, die in beiden Parteien herrschen. Mehr noch: sie charakterisiert das Durcheinander und die Spannung im amerikanischen Denken um die Jahresmitte 1960.

Zuerst die unter recht schmachvollen Umständen zusammengebrochene Gipfelkonferenz, dann die demütigende Absage der so großartig angekündigten Eisenhower-Reise nach Japan – das waren zwei harte Schläge für die amerikanische Eigenliebe. Dazu kommt nun noch das unverschämte Verhalten Fidel Castros, der unter wütenden Beleidigungen der Vereinigten Staaten sozusagen vor deren Haustür amerikanischen Besitz enteignet. Es liegt im Wesen der Politik, daß eine Regierung, die sich nicht in der Lage zeigt, die nationale Würde zu bewahren, vom Volke abgelehnt wird.