Die Deutsche Reichspartei hatte sich in die Vororte von Hildesheim zurückgezogen, um dort ungestört den Traum vom "Reich als mitteleuropäischer Ordnungsmacht" träumen zu können, Die große Versammlungshalle in der Stadt war ihr kurzfristig gekündigt worden, und die kleineren Lokale, wo die DRP öffentliche Versammlungen abhalten wollte, hatten schon Stunden vor Beginn breitschultrige Gewerkschaftler besetzt. Mit Bussen waren sie von den umlegenden Städten herangefahren worden. "Keine Gewaltanwendung" hatten ihnen die DGB-Funktionäre eingeschärft. Aber auch auf der Gegenseite hieß die Parole: "Äußerste Zurückhaltung".

Überdies sorgte ein Massenaufgebot von Polizisten dafür, daß die Gegner nicht zu nahe aneinandergerieten. So auch am Sonntag, als sich die DRP zur Schlußkundgebung ihres Parteitags in einem Gasthaus bei Hildesheim zusammenfand. Schwarz-weiß-rot wehte die Fahne vom Dach. Auf der Straße davor stand ein dichter Polizeikordon und bewachte die Konklave der "nationalen Opposition".

"Faschisten raus", dröhnte der Sprechchor der Gewerkschaftler, und drinnen donnerte der Beifall der DRP-Garde zu den Kernsätzen ihrer Führer. Aber es blieb beim akustischen Wettstreit. "Sollen wir denn so lange warten", rief ein Arbeiter, dessen Gesicht weiß war vor Zorn, "so lange, bis uns diese Nazis wieder niederknüppeln?" Seine Kollegen hielten ihn zurück. "Nicht hier stehenbleiben", forderte ein Polizeioberleutnant, Herrschaften, seid nett!"

"Klein vielleicht – aber wie lange? Harmlos – nie!" so hatte ein Gewerkschaftsführer die DRP charakterisiert. Seit dem Bremer Parteitag im letzten Jahr ist die Partei angeblich um zwanzig Prozent gewachsen, ihre Mitgliederzahl liegt jetzt bei ungefähr 18 000. Aber so wie sie sich in Hildesheim präsentierte, schien sie kaum mehr als eine kleine Sekte politischer Schwarmgeister.

Da waren Idealisten und Nationalromantiker, die mit einer dicken Träne im Auge das Treuezeichen ihrer Partei entgegennahmen, die von Ergriffenheit geschüttelt das Lieblingslied der SS sangen: "Wenn alle untreu werden ...", und die zur Dichterlesung nach Lippoldsberg wallfahrteten, um bei den Erben Hans Grimms ihre geistige Wegzehrung zu holen.

Da waren die Enttäuschten: "Mit 18 habe ich mich freiwillig gemeldet, drei Jahre lang war ich in Gefangenschaft, und jetzt ist alles umsonst... Ich finde mich nicht zurecht." Verbitterte, die dem Rattenfänger des Dritten Reiches nachgelaufen waren und später dafür büßen mußten. Unbelehrbare, die heute noch von den im Felde unbesiegten Soldaten des Ersten Weltkrieges reden. Jugendführer, die in kurzer Hose, schwarzem Hemd, mit Schlips und Knoten herumlaufen und davon träumen, ein zweiter Baldur von Schirach zu werden.

Ja, vieles ist harmlos, fordert zum Lächeln heraus, aber dann ist plötzlich dieser Eindruck weggewischt.

Wenn etwa Adolf von Thadden der mit Eleganz und Witz dem Parteitag präsidierte, bei seiner außenpolitischen Rede, in der er die Neutralität Deutschlands als politisches Allheilmittel pries, mit der Inbrunst des Mystikers das Reich beschwört, stoßweise die Sätze hervorschleudert, mit den Händen zuckt, und wenn dann ein Erweckungs- und Berufungsschauer die Menschen im Saale ergreift. Oder wenn der Parteiideologe Professor v. Grünberg den Satz prägt: "Weder die heutigen Katholiken können etwas dafür, daß die Bartholomäusnacht geschah, noch die heutigen Deutschen etwas für Auschwitz."

Der neue Vorsitzende der DRP, Professor Kunstmann aus Hamburg, der in Hildesheim den Parteipatriarchen, NS-Staatsrat a. D. Meinberg, ablöste, ist von ruhigerer Gemütsart, mit fast pastoralem Habitus. Er war Mitglied der Bekennenden Kirche und ist durch seine politische Vergangenheit weniger belastet als andere prominente DRP-Führer. Vermutlich war das auch der Hauptgrund für seine Wahl. Er ist kein Trommler wie der frühere NS-Führungsoffizier Otto Hess, der beklagte, daß es in der Partei zuwenig Schützen eins gebe, kein ehemaliger SS-Ehrenführer wie sein Stellvertreter Lutz und auch kein ehemaliger SRP-Mann wie der dritte Vorsitzende Gebhardt.

Aber auch Kunstmann verficht die These, daß die Guten die Kämpfer ums Reich seien und die Schlechten seine Feinde. Und er forderte: "Kameraden, fragt jeden früheren Soldaten, jeden Patrioten, der eidgetreu sein will! Erklärt ihm, daß Regime kommen und gehen. Der Eid auf das Reich bleibt."

Die DRP, die sich in Hildesheim traf, war freilich noch keine Partei, die etwa, falls sie es wollte, dem Bonner "Regime" gefährlich werden könnte. Dunkel wallte da das Seelenbräu, und die Reichsmystiker schwelgten in poetischen Bildern: "Die Ungebrochenen zu sammeln und warten, bis die günstige Strömung wieder einsetzt – gegen Morgen, wenn ein neuer Tag anbricht: Dazu sind wir da." Rolf Zundel