Wenn etwa Adolf von Thadden der mit Eleganz und Witz dem Parteitag präsidierte, bei seiner außenpolitischen Rede, in der er die Neutralität Deutschlands als politisches Allheilmittel pries, mit der Inbrunst des Mystikers das Reich beschwört, stoßweise die Sätze hervorschleudert, mit den Händen zuckt, und wenn dann ein Erweckungs- und Berufungsschauer die Menschen im Saale ergreift. Oder wenn der Parteiideologe Professor v. Grünberg den Satz prägt: "Weder die heutigen Katholiken können etwas dafür, daß die Bartholomäusnacht geschah, noch die heutigen Deutschen etwas für Auschwitz."

Der neue Vorsitzende der DRP, Professor Kunstmann aus Hamburg, der in Hildesheim den Parteipatriarchen, NS-Staatsrat a. D. Meinberg, ablöste, ist von ruhigerer Gemütsart, mit fast pastoralem Habitus. Er war Mitglied der Bekennenden Kirche und ist durch seine politische Vergangenheit weniger belastet als andere prominente DRP-Führer. Vermutlich war das auch der Hauptgrund für seine Wahl. Er ist kein Trommler wie der frühere NS-Führungsoffizier Otto Hess, der beklagte, daß es in der Partei zuwenig Schützen eins gebe, kein ehemaliger SS-Ehrenführer wie sein Stellvertreter Lutz und auch kein ehemaliger SRP-Mann wie der dritte Vorsitzende Gebhardt.

Aber auch Kunstmann verficht die These, daß die Guten die Kämpfer ums Reich seien und die Schlechten seine Feinde. Und er forderte: "Kameraden, fragt jeden früheren Soldaten, jeden Patrioten, der eidgetreu sein will! Erklärt ihm, daß Regime kommen und gehen. Der Eid auf das Reich bleibt."

Die DRP, die sich in Hildesheim traf, war freilich noch keine Partei, die etwa, falls sie es wollte, dem Bonner "Regime" gefährlich werden könnte. Dunkel wallte da das Seelenbräu, und die Reichsmystiker schwelgten in poetischen Bildern: "Die Ungebrochenen zu sammeln und warten, bis die günstige Strömung wieder einsetzt – gegen Morgen, wenn ein neuer Tag anbricht: Dazu sind wir da." Rolf Zundel