Es gehört keine prophetische Gabe dazu, um mit ziemlicher Sicherheit voraussagen zu können, daß sich auch die Bergarbeitergewerkschaft in absehbarer Zeit zur Kasse vordrängen wird. In der 7. Generalversammlung der Industriegewerkschaft Bergbau ist dieses Thema – zwar meist sachlich, aber darum nicht weniger nachdrücklich – bereits angedeutet worden.

"Wir werden wahrscheinlich eher bei denZechenunternehmern aufkreuzen, als sie es erwarten", kündigte Heinrich Gutermuth an. Dies dürfte wohl bedeuten, daß das Auslaufen des derzeit gültigen Tarifvertrages im Steinkohlenbergbau nicht mehr abgewartet werden wird, bis die Bochumer Gewerkschaftsführung neue Wünsche anmeldet. "Vertraglich sind wir bis Mai 1961 gebunden", hieß es in dem vor den Delegierten in Dortmund gehaltenen Referat des Tarifexperten Karl van Berk – aber "die Zeit arbeitet für uns".

Tatsächlich kann die Gewerkschaft darauf hinweisen, daß der Bergarbeiter schon heute – vor dem Auslaufen der augenblicklichen Lohnwelle in anderen Bereichen der Wirtschaft – seine Spitzenstellung in der Lohnskala abgegeben hat. Das gilt zwar noch nicht für die Arbeitszeit, wohl aber für den Effektivlohn des Kumpels, der längst von anderen Industriearbeitern überrundet worden ist. Vor allem aber führt die IG-Bergbau zur Begründung ihrer bevorstehenden Lohnforderung den schon heute (trotz der noch nicht überwundenen Absatzkrise) bestehenden Mangel an Arbeitskräften bei der Kohle an. Die "Abwanderung infolge der schlechten Löhne und der unsicheren Arbeitsplätze sowie des besseren Angebots auf dem Arbeitsmarkt hat ein nie gekanntes Ausmaß angenommen", hieß es in Dortmund.

Tatsächlich wird diese Entwicklung auch im Unternehmerlager an der Ruhr mit wachsender Sorge beobachtet. So war kürzlich bei einer großen Zechengesellschaft zu hören, daß sie infolge der umfangreichen freiwilligen Abwanderung von Bergarbeitern nicht mehr in der Lage wäre, der – gestiegenen – Nachfrage nach Kohlen zu entsprechen, wenn sie nicht noch die Möglichkeit hätte, von der Halde zu verkaufen. Ob Einzelfall oder nicht – das ist eine bemerkenswerte Entwicklung. Es ist durchaus möglich, daß angesichts dieser Situation Lohnforderungen bei den Zechen nicht mehr auf einmütige Ablehnung stoßen werden.

Gutermuth mag auch recht haben, wenn er betonte, es sei kein Geheimnis und auch die Erklärungen der Unternehmer und ihrer wirtschaftlichen Organisationen vermöchten nicht zu verschleiern, daß das Kostenbild (im Ruhrbergbau) besser geworden sei.

Nur daß die Zechen den freigewordenen Kostenspielraum notwendig brauchen, um sich mit ihren Konkurrenten messen zu können – davon war nicht die Rede. Darüber aber wird in erster Linie gesprochen werden müssen, wenn das erste offizielle Gespräch über eine Anhebung der Tariflöhne bei der Kohle beginnt. nmn