Nicht immer, wenn zwei sich zanken, freut sich der Dritte. Insbesondere werden Wirtschaftskämpfe gern zu Lasten unbeteiligter Dritter ausgetragen, die dabei nichts zu lachen haben. So dürfte es auch bei dem "Zuckerkrieg" zwischen den USA und Kuba – dem größten Zuckerexportland und dem wichtigsten Verbraucherland der Welt – kommen.

Unabhängig davon, wer diesen Machtkampf angefangen hat – Kubaner und Amerikaner beschuldigen sich gegenseitig lauthals der "wirtschaftlichen Aggression" – läßt sich schon jetzt voraussehen, daß dabei das bisher recht stabile Gefüge des internationalen Zuckermarktes in die Brüche gehen wird und daß am Ende der Verbraucher, wie üblich, das Nachsehen haben wird.

Vor allem dürfte die amerikanische Hausfrau schon bald zu spüren bekommen, daß die Zuckerpolitik des State Department für sie alles andere als eine süße Sache ist. Wenn immer wieder – und mit Recht – betont wird, wie bedeutend der amerikanische Markt für den kubanischen Zuckerexport ist, so sollte man dabei jedoch nicht aus dem Auge verlieren, daß umgekehrt der Zuckerimport aus Kuba bis jetzt für den Konsumenten in USA ebenso wichtig gewesen ist.

In der amtlichen Statistik der beiden Länder spiegelt sich die bisher enge Verbundenheit auf dem Gebiet der Zuckerversorgung wie folgt wider: Aus den Zahlen ergibt sich einmal, daß der Gesamtverbrauch an Zucker in den Vereinigten Staaten in den letzten Jahren im großen und ganzen konstant geblieben ist, während sich die kubanische Produktion etwas erhöht hat. Andererseits geht daraus hervor, daß die USA schon im vergangenen Jahr ihre Abhängigkeit vom Ausland leicht vermindern konnten (jedenfalls gegenüber dem Vorjahr) und daß dadurch schon 1959 ein, allerdings nicht sehr bedeutender, Rückgang in der kubanischen Zuckerausfuhr nach den Vereinigten Staaten eingetreten ist.

Angesichts der Tatsache, daß bisher im Durchschnitt drei Fünftel des kubanischen Zuckerexports nach USA gegangen sind, und diese zu ungefähr drei Viertel ihren Importbedarf aus Kuba zu decken pflegten, ist es unvermeidlich, daß der jetzt zwischen den beiden langjährigen Partnern ausgebrochene Handelskrieg weltweite Folgen haben wird. Dabei sind sich die Fachleute freilich noch nicht ganz darüber einig, wie hoch der Wellenschlag des karibischen Zuckerbebens gehen: wird.

Während die einen der Ansicht sind, daß die Vereinigten Staaten ihren Mehrbedarf in Anbetracht des reichlichen Weltangebots leicht aus anderen Ländern decken könnten – in Frage kommen in erster Linie Haiti, Kostarika, Panama, Holland und Formosa –, meinen andere, daß Preissteigerungen für den amerikanischen Verbraucher unausweichlich seien. Dafür spricht die Tatsache, daß alle in Frage kommenden neuen Bezugsquellen (zum Teil sind es alte, die jetzt erhöhte Bedeutung erhalten) erheblich längere Transportwege voraussetzen würden als bei dem der amerikanischen Küste vorgelagerten Kuba. Das dürfte sich besonders dann auf den Zuckerpreis luswirken, wenn auch so weit entfernte Länder wie Brasilien, Südafrika und Australien, die bisher keinen Zucker nach USA geliefert haben, mit herangezogen werden sollen, um den kubanischen Ausfall wettzumachen.

Demgegenüber wird aber in Handelskreisen allerdings die Möglichkeit eines kubanischen Zuckerdumpings erwogen, das auf die Weltmarktpreise drücken könnte. Es könnte dabei durchaus – jedenfalls vorübergehend – die Lage entstehen, daß die Zuckerpreise in USA nach oben, auf dem Weltmarkt dagegen nach unten in Bewegung geraten.

In der Londoner City spricht man schon jetzt von einer "sorgenvollen Zeit" für den Zuckerhandel und meint, daß der International Sugar Council, der bisher die Weltversorgung im Rahmen eines internationalen Abkommens (International Sugar Agreement) geregelt hat, sich bald einer Fülle von verzwickten Problemen gegenübersehen werde. Joachim Joesten