Von Paul Hühnerfeld

"... von dieser Art ist dein Reich: nicht recht wirklich, nicht recht sicher." (Saint-Exupery: "Südkurier")

Am 31. Juli 1944 schreibt der 44jährige französische Fliegeroffizier Jean Baptiste Marie Roger Graf Saint-Exupery vom Feldflughafen aus an einen Freund: "Sollte ich abgeschossen werden, werde ich rein gar nichts bedauern. Vor dem künftigen Termitenhaufen graust mir. Und ich hasse ihre Robotertugend. Ich war dazu geschaffen, Gärtner zu sein." – Wenige Stunden später stieg Saint-Exupery zu seinem letzten Aufklärungsflug auf. Er kam nicht mehr zurück, wahrscheinlich hat ihn ein deutscher Jäger abgeschossen.

Ein Flieger- und Schrifstellerleben war zu Ende. Zurück blieb für einen kleinen Kreis enger Freunde die Erinnerung an einen Menschen von edelster Gesinnung, für einen weitaus größeren und über die ganze Welt verbreiteten Kreis jedoch das Werk: der kühne Versuch des Kavaliers aus Lyon, das Fliegen als Ausweg vor der Termitenhaftigkeit modernen Daseins, als Form menschlichen Existierens darzustellen und damit der Literatur neue Dimensionen zu gewinnen.

Wer heute, 16 Jahre nach dem Tode Saint-Exuperys, die Aufgabe bekommt, sich mit diesem Werk kritisch auseinanderzusetzen, hat es nicht leicht: Er muß fürchten, daß Kritik am Werk von der Schar der Anhänger als Kritik am Menschen oder doch zumindest als Kritik an der idealistischen Weltanschauung verstanden wird. Es scheint deshalb wichtig, zu versichern, daß der Rezensent alles, was er an Bewunderndem über den Menschen Exupéry schon äußerte, auch wirklich so meint; daß er ferner die Weltanschauung des Autors (soweit das bei einer literarischen Betrachtung zulässig ist) ausklammern will, wiewohl er mit ihr ganz und gar nicht übereinstimmt, und daß es hier nur um die literarische "Übersetzung" – kurz, darum gehen soll, ob das Werk Exupérys, das ja nun einmal in der Literatur angesiedelt ist und nicht in der Philosophie, Weltanschauung oder Publizistik, als Literatur standhält. Gelegenheit zu solcher Untersuchung bietet die dreibändige, vorzüglich ausgestattete und sorgfältig edierte Gesamtausgabe –

Antoine de Saint-Exupery: "Gesammelte Schriften", 3 Bände; Karl Rauch Verlag, Düsseldorf; 1800 S., 72,– DM.

Der erste Band enthält das, was den Flieger und Schriftsteller Saint-Exupery einst berühmt gemacht hatte: den "Südkurier" von 1928, den "Nachtflug" (1931), "Wind, Sand und Sterne" (1939), "Flug nach Arras (1942) und – "Der kleine Prinz", ebenfalls aus dem Jahre 1942. Hiermit sollte man sich zur Hauptsache beschäftigen; denn Saint-Exupérys journalistische Arbeiten und Briefe (dritter Band) sowie das in der Quantität umfangreichste hinterlassene Werk "Die Stadt in der Wüste" (zweiter Band) sind zwar für die Gesinnung und die Lebensphilosophie des Autors, nicht aber für die Poesie entscheidend.