Tel Aviv, im Juli

Hassan Abdullah Mansur setzte die gebratenen Tauben auf den Tisch. Er griff die knusprigste heraus und legte sie dem jüdischen Arzt Ben Hecht auf den Teller. Die zweitbeste Taube bekam der jüdische Schulmeister, die dritte bekam ich, die restlichen vier gingen an die Söhne des Hassan Abdullah Mansur. Der Gastgeber selbst aß nicht mit – aus Höflichkeit seinen Gästen gegenüber.

Hassan Abdullah Mansur ist Oberhaupt des mächtigsten Familienklans im einstmals jordanischen Dorf Tira, das nach dem Krieg zwischen Juden und Arabern im Jahre 1948 an Israel fiel. Tira liegt in der Triangle Zone, einem rein arabischen bewohnten Dreieck, das auch heute noch unter Militärverwaltung steht. Die Grenze nach Jordanien ist einen Steinwurf weit entfernt.

Das arabische Dorf Tira ist unter jüdischer Verwaltung aufgeblüht: Es gibt Wasser und Licht und das Pro-Kopf-Einkommen hat sich in dieser Zeit verfünffacht. Hassan Abdullah Mansur ist der reichste Mann im Ort, er besitzt große Ländereien und den einzigen Eisschrank von Tira. Ein Sohn studiert Medizin auf der hebräischen Universität in Jerusalem, ein zweiter in Köln. Hassan trägt arabische Kleidung, seine Söhne laufen in Blue Jeans oder Maßanzügen herum. Das Radio im Hause Mansur ist auf Kairo eingestellt.

Der Arzt Ben Hecht hat in Tira jahrelang das jüdische Krankenhaus – mit etwa 30 Betten – geleitet. Er hat sich zuerst die Achtung, dann die Zuneigung der Araber von Tira erworben, Das Festessen im Hause Mansur, zu dem Ben Hecht den deutschen Journalisten mitgebracht hat, hat zwei konkrete Anlässe: Eine der vier Frauen des Hassan Abdullah Mansur ist beim Wasserholen in den Brunnen gestürzt und der Sohn Riad – der Medizinstudent – ist durch das Examen gefallen. Der kenntnis- und einflußreiche jüdische Arzt soll beiden helfen.

Schnell wird auch noch ein Mansur-Enkel ins Zimmer geschoben: Kurpfuscher haben den Achtjährigen falsch beschnitten. Ben Hecht verschreibt etwas. Der alte Mansur nickt befriedigt. Für einen der Söhne ist das ein Zeichen: Er kommt mit dem Kaffee. Das Gespräch kann beginnen – das Gespräch zwischen einem Araber, einem Juden und einem Deutschen.

Es ist der Araber, der nach Adolf Eichmann fragt. Ob die Deutschen wünschten, daß er hingerichtet wird? –