Sie halten diese Selbstbeteiligung deswegen nicht für unsozial, weil sie der Meinung sind, daß die zwangsversicherten Arbeitnehmer, und das sind ja nun inzwischen bis auf einen kleinen Rest fast alle Arbeitnehmer, heute durchaus in der Lage wären, bei kleineren und ersten Unpäßlichkeiten einen Teil der anfallenden Kosten aus der Hosentasche zu bezahlen. Nach der Repräsentativerhebung eines Kassenverbandes betrugen die Arztkosten bei 53 vH aller Behandlungen nicht mehr als 10 DM. Bei weiteren 25 vH lagen sie zwischen 10 bis 20 DM. Es wird doch wohl niemand im Ernst behaupten wollen, daß eine Selbstbeteiligung an diesen Kosten unsozial oder gar existenzgefährdend wäre. Existenzgefährdend ist die schwere und lang andauernde Krankheit. Dann übersteigen die Kosten die Kraft des einzelnen, dann kann nur die Solidarhaftung der Allgemeinheit helfen, dann muß der medizinische Fortschritt ohne Rücksicht auf die entstehenden Kosten eingesetzt und dafür, für die Abdeckung dieses Risikos, sollten die Zwangsbeiträge der Versicherten verwendet werden.

Wer das für unsozial hält, muß einen anderen – sozialeren – Vorschlag machen, wie der weiteren uferlosen kollektiven Belastung der Allgemeinheit zur Abdeckung des Risikos Krankheit ein Riegel vorgeschoben werden kann. Die ganze lange Debatte um dieses Thema hat eine brauchbare Alternative zur Selbstbeteiligung bisher nicht zutage gefördert. Statt dessen hat man sich in den Details ihrer praktischen Durchführung bis zur Ausweglosigkeit und Manövrierunfähigkeit verbissen.

Daß eine Kostenbeteiligung des Patienten an den Arztkosten – in welcher Form auch immer sie praktiziert wird – auch für den behandelnden Arzt ihre Tücken und Unannehmlichkeiten hat, steht außer Frage. Sie verlangt eine klare Aufrechnung der erbrachten Leistungen unter den Augen eines Patienten, dem durch die sozialen Verdunklungsmanöver des Staates jahrzehntelang vorgespiegelt worden ist, daß diese Leistungen umsonst sind.

Aber das kann kein Grund sein, sie zu unterlassen. Mit dieser Reform steht und fällt nicht nur das Prestige eines Sozialministers, sondern auch der Glaube, daß es in einer Massendemokratie noch möglich ist, das Notwendige zu tun – auch wenn es unpopulär ist.