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I:","Konflikt mit General McArtbur und die Enttäuschung des Koreaktieges waren ihr atmosphärischer Hintergrund. Ich zitiere Rovere: "Die Marshall Rede war eine massive, multiple Unwahrheit, zum großen Teil aus einer Menge historischer Daten zusammengesetzt, tendenziös ausgewählt und gemein und bösartig gruppiert, aber nicht bösartiger als vieles, was man häufig als Geschichte gelten läßt. Mit Ausnahme von zwei oder drei Interpolationen durch McCarthy war sie kaum nachteilig. Und doch ist es keine Übertreibung zu sagen, daß sie General Marshall vernichtete — in dem Sinne, daß sie ihn der Gelegenheit beraubte, dem Rest seines Lebens Sinn zu geben durch eine Tätigkeit, die einen unbeschmutzten Namen voraussetzt ".

Das geschah unter Truman und der demokra tischen Verwaltung, die nach der Behauptung McCarthys eine "Brut von Kommunisten" war. Es ergab sich aber, daß McCarthy auch unter Eisenhower und der republikanischen Verwaltung den politischen Ruhm nicht entbehren wollte und auf den Antikommunismus als Schlager nicht verzichten konnte. Er wählte isich andere Objekte. Hollywood und Broadway kamen an die Reih. Sein Stab wütete im Personall jfes Sender£, Dje dächtiger Literatur, etwa nach Agnes Smedlej und Theodore Dreher. In diese Zeit fällt aacli die unfaßliche Demütigung des republikanischen Kriegsministers Stevens und der Armee überhaupt. McCarthy hat ein Senatskomitee gezwungen, wegen der Beförderung eines Armeezahnarztes und wegen der Einberufung eine, wehrpflichtigen jungen Taugenichts aus seinem eigenen Stab Erhebungen anzustellen. Es ist hinterher unfaßlich, was sich die Regierung, auch dk republikanische, und der Senat mit republikanischer Mehrheit in den Jahren 1952 bis 1954 vor; ihm bieten ließ.

Rovere gibt einige dieser traurigen Possen zurr, besten. Es dauerte lange, bis die Republikaner das Gefühl, ihm den Sieg von 1952 mitzuverdanken, einigermaßen überwunden hatten. Der Konflikt mit der Armee war aber doch der Beginn, wenn nicht die Ursache des Abstiegs schließlich im Jahre 1954. Er wurde ausgetragen vor einem Unterausschuß, dessen republikanischer Vorsitzender deutlich mit McCarthy sympathisierte. Die Verhandlungen wurden im Fernsehen gesendet. Sie währten 37 Tage und haben wohl manchem der zwanzig Millionen Zuschauer die Gefährlichkeit und die moralische Beschaffenheit McCarthys vor Augen geführt; ein besonders 1tüchtiger Rechtsanwalt der Armee hat dabei nachgeholfen. Zwar war ein Umschwung der öffentlichen Meinung noch kaum festzustellen. Außerdem wird ja bekanntlich ein Rückschlag in der Volksstimmung — die esan ypbeständißkeitia Ausschusses deckte McCarthy: die Armee habe ihre Vorwürfe gegen ihn nicht beweisen können. Aber das Plenum des Senats besann sich bald eines besseren und setzte einen Sonderausschuß gegen McCarthy ein wegen der Beschuldigung, daß sein Verhalten des Senats unwürdig sei und den Senat in Verruf bringe. Das Ergebnis war eine Entschließung des Plenums vom 2. Dezember 1954 — Mehrheit 67:22, —, die ihn wegen zweier Tatbestände nicht nur tadelte, sondern verurteilte (condemned); auch sein bisheriger Protektor Nixon rückte von ihm ab.

McCarthy hat sich von diesem Schlag nicht mehr erholt. Zwar rührte sich, seine große und mächtige Anhängerschaft sofort für ihn, und keiner seiner Freunde wurde ihm untreu, wie er auch seinen Freunden nie untreu geworden war. Gleich darauf ging jedoch die Mehrheit im Senat auf die Demokraten über, die ihm den Vorsitz in dem ständigen Ausschuß entzogen, der bisher die Grundlage seiner Wirksamkeit und seines Stabs gewesen war.

- Die "Verurteilung" durch den Senat machte vielen Menschen und Institutionen wieder Mut; die allgemeine Angst wich. Im Weißen Haus atmete man auf. McCarthys Wünsche waren nicht mehr Befehl. Seine Versuche, wieder in die Schlagzeilen zu kommen, scheiterten. Der Senat nicht. Denn er war nicht aus dem Holz großer Demagogen und Diktatoren geschnitzt. Was ihm — zum Gluck für Amerika — fehlte, war der Glaube an eine Sache; er war in Wirklichkeit kein Fanatiker. Der vollkommene Mangel an Oberzeugung hat ihn verwundbar gemacht. Ein Fanatiker hätte einen Rückschlag verwunden und überstanden "Er war", sagt Rovere, "ein Zyniker, es doch besser für die Welt, wenn ein so fähiger Mann wie er die Moral verachtet, als wenn er eine böse und destruktive Moral vertritt " Er hat danach noch zweieinhalb Jahre gelebt. Sicher ist, daß er an den Folgen des Alkoholmißwar noch einmal davongekommen.

Es ist klar, daß ein Deutscher, der die Geschichte McCarthys liest, zu vielen Malen an die Geschichte der berühmten zwölf Jahre denkt. Rovere versteht es, die Ähnlichkeiten und die Differenzen ins Licht zu rücken. Aber, von dieser Beziehung zu uns und zu dem in seinen Folgen so viel schlimmeren Fall Hitler ganz abgesehen: Das Buch ist so gut und gescheit und lehrreich, daß man es hoffentlich bald in Deutschland kaufen kann (Richard H. Rovere: "Senator Joe McCarthy"; Harcourt, Brace and Company, New York 1959 )