Die Ergebnisse der X. Internationalen Filmfestspiele in Berlin

Kann man aus 26 Spielfilmen entziffern, was die Welt bewegt? Und kann man’s, soll man’s aus den Beschlüssen einer Jury, einer internationalen, tun? In Berlin, wo sich die Fanatiker der Flimmerkunst diesmal mehr als zuvor drängelten, verleitete bereits das Programm zur Deutung. Doppelt und dreifach nämlich tauchten manche Begriffe in den Titeln auf. Nach diesem Schnellsystem der Kinoanalyse bleibt Thema Nummer eins die alte Liebe. Da gab es "Liebesspiele" aus Frankreich, "Dreimal Liebe" aus Japan, "Zweimal verliebt" aus Finnland, und von den Philippinen tönte es gleich als Fanfare: "Liebe siegt."

Als zweite Gruppe folgte diesem amourösen Massenangebot die Kriminelle Welle, Marke Klau, wenn du kannst. Erstens: "Der Taschendieb", worin der französische Bild-Bastler Robert Bresson wirklich nicht mehr als einen solchen zeigt und den noch dazu mit Puderzucker überstreut (ein Laienschauspieler übrigens, worauf der Meister großen Wert legte). Im Vorspann las man außerdem den Namen jenes braven Mannes, der fachgerecht die Diebesgriffe ausgeführt hat. Das Publikum griff besorgt zur Brieftasche und dann sich an den Kopf.

Südländischer Übermut

Ferner ziemlich diebisch: "Der Schlafzimmerdieb" aus Schweden – er wurde außer Konkurrenz gezeigt –, und schließlich noch der "Meistergauner" aus Italien, zu schweigen hier von dem morbiden Michel in "Außer Atem", der Autos knackt wie andere Leute Nüsse. Das weitaus beste Erzeugnis dieser Serie war das italienische, ein Sturzbach südländischen Übermuts. Neidisch sah Germania ihn sprühen. Es galt zu zeigen, wie ein Schmierenkomödiant sich seine Gagen an den Kassen fremder Dummheit abholt. Es ist tröstlich zu wissen, daß nicht jeder Bruder Zappzerapp so wandlungsfähig ist wie Vittorio Gassman (Regie: Dino Risi).

Eine Verdoppelung eigener Art bei den X. Berliner Filmfestspielen kam aus dem Fernen Osten: Es gab fast haargenau den gleichen Stoff gleich zweimal. Sowohl der koreanische Film "Auf Regen folgt Sonne" als auch der ungleich bessere aus Japan,

"Mein zweiter Bruder", behandelten das Schicksal von notleidenden Geschwistern im Kohlenrevier. In beiden Fällen ist auch das Tagebuch eines kleinen Mädchens beteiligt, und die jungen Leute in dem Sozialgemälde aus Tokio werden ausdrücklich als Koreaner bezeichnet. Da die Besonderheiten fernöstlichen Urheberrechts hier unbekannt sind, muß offen bleiben, wer von wem geborgt hat.