Von Ernst Stein

Im Londoner Auktionshaus Sotheby wurde jüngst eine der berühmtesten Sammlungen europäischen Porzellans versteigert, wie sie heute fast nur noch in Museen zu finden ist: Die Sammlung Otto und Magdalene Blohm, Hamburg und Caracas. Der Gesamterlös betrug fast eine Million Mark; einige Rekordpreise übertrafen alle Erwartungen.

Gedichte sind keine bemalten Fensterscheiben mehr. Das hat sich seit Goethes Zeiten völlig geändert, und ganz verschwunden ist mit jenen Zeiten eine Gedichtform, deren Lebensspanne etwa vom Barock zum Rokoko reichte: das Sinngedicht. Kleinste Form, zwei Zeilen zumeist; eine Nippsache der Lyrik, hart und zart, spitz ohne Schärfe, aneckend und doch glatt – ganz wie sein Zeitgenosse und Gegenstück, das Zierporzellan. Auch diese petits riens sind sozusagen Epigramme, aus Kaolin und Feldspat gebrannt, und auf freundliche, zeitlos-zeitgebundene Art scheinen sie etwas auszusagen und dennoch ein Geheimnis zu bewahren.

Man verkennt diese Figurinen und Zierlichkeiten, wenn man sie nur für Rokoko, nur für Spielereien hält. Es gibt Gestalten nach Callot darunter, die noch von einem kalten Hauch des Dreißigjährigen Krieges angeweht scheinen; es gibt Gruppen, unsachlich und wirklichkeitsnah zugleich, vor deren Winzigkeit manches große Werk des Naturalismus klein wird.

Sie waren auch nicht nur Zierat, sondern meist vielbenützte Gebrauchsgegenstände, Riechfläschchen und Nadelbüchschen, Stockgriffe, Bonbonnieren und Schnupftabaksdosen; Leuchter, Tafelaufsätze, Geschirr; im Schloß Capodimonte bei Neapel etwa sind Wände und Decke eines Salons mit tausendfältigem Porzellan ausgekleidet. Man muß zu jenen Zeiten mit den Dingen behutsamer umgegangen sein oder eine glücklichere Hand gehabt haben, daß sich soviel von diesen zerbrechlichen Nichtigkeiten erhalten konnte, die jetzt tausende Pfund bringen.

Noch mehr muß allerdings den Weg alles Porzellans gegangen sein, denn zum Beispiel die fünfzehn Commedia dell’Arte-Figürchen von Simon Feylner aus der Fürstenberger Manufaktur (1754) sind die einzige vollständige Gruppe auf der Porzellan sammelnden Welt. Einzigartig war auch der Preis, den sie erzielten: 180 000 Mark. Eine Melodie aus der Strauss-Hofmannsthalschen "Ariadne" schien um sie zu schweben, aber sie brach ab, als der Hammer des Auktionators fiel.

Es war ein großer Tag (eigentlich waren’s zwei) der Kleinigkeiten, denn es war eine große, berühmte Sammlung, die da im berühmten Aktionshaus Sotheby in London versteigert wurde (der zweite Teil folgt im Herbst): Europäisches Porzellan, in vierzig Jahren zusammengetragen von Otto und Magdalene Blohm, Hamburg und Caracas. 202 Stücke in einem halben Dutzend Vitrinen; sie brachten rund eine Million Mark. Und da sie meist an Händler gingen, wird aus diesen Porzellanschalen wohl noch eine Million schlüpfen, vermutlich in Dollar ...