Vor hundert Tahren erschien in Rußland ein RCH man, in dem das Wort "Oblomowerei" geprägt wurde. Er liegt jetzt wieder deutsch vor; In russischen Wörterbüchern wird Oblomowerei mit "Trägheit, Gleichgültigkeit, Stumpfheit" und ähnlich erklärt — sehr oberflächlich. Träge, gleichgültig kann bald einer sein, darum ist er noch lange kein Oblomow und reif für die Weltliteratur. Aber das Wort "Lebensangst" war damals noch nicht erfunden. Oblomow ist der negative Schutzpatron aller Neurotiker, die sich am liebsten den ganzen Tag in den Federn verkriechen möchten, weil sie sich dem Leben nicht gewachsen fühlen.

Gontscharow (1812—1891) muß selbst einen fatalen Hang zur Oblomowerei in sich gespürt haben, aber sein Roman, auch ein "Gerichtstag über das eigene Ich", seine Selbstkritik erweitert sieh zur Kritik einer ganzen Gesellschaft, Oblomows Lethargie zum Inbegriff der Geisteshaltung einer sozialen Schicht. Aber unversehens wuchs die Gestalt des Unhelden über die zeitliche und örtliche Gebundenheit hinaus, und heute erscheint uns Oblomow als Urbild aller Lebensuntüchtigen, die in die Neurose flüchten wie er in das Nachmittagsschläfchen.

Der Gerichtstag verurteilt den Armen zu einem frühen, etwas schmählichen Tode — aber er verdammt ihn nicht. Und Geistesverwandte können in seiner Geschichte den Trost finden, daß es vielleicht gerade die Besten sind, die mit der Brutalität des Lebens nicht fertig werden.

Oblomows Gegenspieler, der tatkräftige, lebens" bejahende Deutschrusse Andrej Stolz, der die Braut heimführt, hält ihm den Nachruf: "Er war eine reine, klare Seele, wie Kristall; edel, sanft — und er ist umgekommen Die berühmten Anfangskapitel dieses Romans, in denen keine Überredungskunst, nicht einmal die Stimme des Gewissens Oblomow zum Aufstehen bewegen kann, wird niemand, der sie gelesen hat, in dreißig Jahren vergessen — ich weiß es aus eigener Erfahrung. Seine lange, qualvolle Liebesgeschichte, sein endgültiges Versinken in der Oblomowerei lesen sich heute herber als vor drei Jahrzehnten, "Rußlands Uhren gehen anders Das Tempo eines russischen Erzählers vor hundert Jahren ist nicht gerade übersehallgeschwind, aber die jüngere Generation — der älteren braucht man es nicht erst zu sagen; oder doch? — wird es lohnend finden, für ein paar Lesestunden ihre Uhr umzustellen. Ludwig Fürst