Rom, im Juli

Die kommunistischen Unruhen in Italien scheinen ihren Höhepunkt überschritten zu haben. Die Bilanz des Aufruhrs aber, an dem sich auch die Sozialisten und linksbürgerliche Splittergruppen beteiligten, ist erschreckend: 8 Tote und rund 1000 Verletzte, davon über die Hälfte Polizeibeamte.

Die Tragödie fing in Genua an. Die Generalprobe fand schon vor einigen Wochen in Livorno und das Vorspiel in Palermo statt. In Livorno überfielen von den Kommunisten aufgehetzte Halbstarke aus einem nichtigen Anlaß die in der Hafenstadt stationierten, angeblich mit den Rechtsradikalen sympathisierenden Fallschirmjäger. In Sizilien arteten Protestkundgebungen gegen das soziale Elend in sinnlose Zerstörung und Gewalttaten aus.

Ihr Meisterstück lieferten die Kommunisten jedoch in der großen ligurischen Hafenstadt. Nach japanischem Vorbild wiegelten sie Arbeiter und Studenten auf. Die Parole hieß: Kampf dem Antifaschismus. Und dieser Parole folgten auch viele, die nicht Kommunisten waren. Mit allen Mitteln sollte der für Anfang Juli in Genua geplante Parteitag des MSI verhindert werden. Unter diesem Signum, einer Abkürzung für "Movimento Sociale Italiano" (Italienische Sozialbewegung), verbergen sich die Neofaschisten.

Die blutigen Revolten, die danach in Rom und anderen italienischen Städten ausbrachen, sind allein auf die eiskalte Entschlossenheit der Kommunisten zurückzuführen, die wie eine Kapitulation vor dem roten Terror aussehende Nachgiebigkeit der Sicherheitsorgane in Genua auszunutzen. Man wollte nicht so sehr den MSI treffen. Die Neofaschisten waren nur Mittel zum Zweck. Die wahren Kampfziele der Kommunisten sind erstens die künstliche Erzeugung jener Volksfrontstimmung, die in den erster Nachkriegsjahren der KP das Eindringen in die öffentliche Verwaltung ermöglichte, und zweitens die Schwächung der Staatsautorität und der Sturz des mit Hilfe des MSI regierenden Kabinetts Tambroni.

Das plötzliche’ Wiederaufflammen der revolutionären Stimmung in der KPI bedeutet keine Abkehr von der traditionellen weichen Taktik ihres Führers Togliatti. Ihm ging es vielmehr darum, die Führung der italienischen Linken nicht an seinen sozialistischen Rivalen Nenni abzugeben. Um ganz sicher zu gehen, um jeder Gefahr einer Isolierung vorzubeugen und Nennis Techtelmechtel mit dem linken Flügel der Democrazia Cristiana in den Schranken der "höheren Interessen der Einheit der Arbeiterklasse" zu halten, haben die Kommunisten die Straßenschlachten provoziert. Und ihre Regisseure achteten dabei sorgfältig darauf, daß jede Attacke unter Beteiligung nichtkommunistischer Elemente vorgetragen wurde und als eine spontane Empörung aller Antifaschisten hingestellt werden konnte.

Ihr erstes Ziel haben die Kommunisten erreicht. Das beweist die gleiche, jeder Objektivität bare Sprache der kommunistischen und sozialistischen Presseberichte. Die italienischen Sozialisten sind nun einmal radikale Marxisten. Ideologisch sind sie dort stehengeblieben, wo die Sozialdemokratie in Mittel- und Nordeuropa vor 50 Jahren angelangt war. Das erklärt die Leichtigkeit, mit der die KPI mit ein paar Kunstgriffen die volle Solidarität der Sozialisten erzwungen hat.