Der Weg zur Privatisierung des Volkswagenwerkes ist mit Kompromissen reich gepflastert. Da war erst der Eigentumsstreit zwischen Bonn und Hannover, der nach jahrelangem Hin und Her im Vergleich zu Ende gegangen ist. Dann mußte der Vermittlungsausschuß bemüht werden, um die Stimmrechtskontroverse zwischen Bundestag und Bundesrat gütlich beizulegen. Das geschah, und der Umwandlung des Wolfsburger Unternehmens in eine Aktiengesellschaft stand nichts mehr im Wege. Und erneut mußte nach einem Kompromiß gesucht werden, um die widerstreitenden Interessen bezüglich der Festsetzung des Aktienkapitals unter einen Hut zu bringen. Die Wolfsburger Geschäftsleitung drängte darauf, das neue Aktienkapital möglichst gering zu bemessen, wobei sie unternehmerisch-ökonomische Gesichtspunkte ins Feld führte. Die Verzinsung eines zu hohen Grundkapitals, so argumentierte Professor Nordhoff, könnte eines Tages Schwierigkeiten bereiten.

Anders dagegen Bonn: um eine möglichst große Anzahl von VW-Volksaktionären zu gewinnen, und um den Ausgabekurs in einer für einkommensschwache Bevölkerungskreise tragbaren Grenze zu halten, sei ein hohes Aktienkapital geboten. So kam es, wie es kommen mußte: sämtliche unversteuerten stillen Rücklagen des Unternehmens wurden für die Kapitalerhöhung auf 600 Mill. DM (Daimler-Benz 70 Mill. DM) herangezogen. (Professor Nordhoff: "Eine solche Bilanzierung ist heute allenfalls bei einem Konkursverfahren üblich.") Aber es hätte noch schlimmer kommen können; ein Aktienkapital von 700 Mill. DM stand zur Diskussion. Wäre man diesem Vorschlag gefolgt, hätte man die Reserven des Volkswagenwerks in geradezu gefährlicher Weise angetastet. Ein neuer Volkswagentyp, an dem in Wolfsburg bekanntlich bereits ernsthaft gearbeitet wird, "kostet" das Werk immerhin die runde Summe von 500 Mill. DM, die mit Rücklagen gedeckt sein sollte.

Aber dieser Kompromiß war nicht der letzte. Bis die ersten VW-Aktien im Frühjahr nächsten Jahres am Markt erscheinen werden, muß mit einigen sozial-besessenen Abgeordneten des Bundestags noch manch harter Strauß ausgefochten werden. Vielen von ihnen erscheint der rein rechnerische Ausgabekurs von 350, der sich aus dem Verhältnis des Aktienkapitals zu dem mit 2,1 Mrd. DM bezifferten inneren Wert des Unternehmens ergibt, als viel zu hoch. Für eine 100-DM-Aktie 350 DM zu bezahlen, das werde nach ihrer Meinung abschreckend wirken und der Popularisierung der VW-Aktien entgegenstehen.

Was also tun? Der Rechnungshof wird mit Argusaugen darüber wachen, daß der Wert des Unternehmens bei der Privatisierungsaktion auch voll erlöst wird. Einem sozialmanipulierten Be- – gebungskurs, der endgültig erst zur Zeit der Aktienausgabe festgelegt werden soll, stehen also haushaltsrechtliche Vorschriften entgegen. Auch wenn man diese umschiffen könnte, bleiben gegen einen unter 350 liegenden Kurs genug Bedenken übrig. Denn in einem solchen Fall wäre kaum mit einer ruhigen Kursentwicklung zu rechnen. Vielmehr dürften sich dann sofort nach Börseneinführung – zumindest in Anpassung an den "echten" Kurs – hektische Kursaufbesserungen ergeben, die leicht eine allgemeine Verkaufswelle auslösen könnten. Der politische Zweck, die einkommensschwachen Ersterwerber als Dauer-Aktionäre zu erhalten, wäre so durchkreuzt.

Das sind ungefähr die Überlegungen des Bundesschatzministers, der demgemäß eine "marktkonforme" Kursfestlegung anstrebt. Aber was heißt an der Börse marktkonform, und an welchen Kriterien soll eine solche Marktkonformität orientiert werden? Etwa an der Kursentwicklung von anderen Automobilwerten, wie jenen von Daimler-Benz? Wohl kaum.

Wenn die Zeit gekommen ist, über den VW-Ausgabekurs endgültig zu befinden, wird sich der Bundesschatzminister also nicht allein an der dann gegebenen Börsen- und Marktlage orientieren können. Bleibt nur zu hoffen, daß ihm faule Kompromisse erspart bleiben, die übrigens einem Geschenk aus der Bundeskasse gleichkämen. Der Plan, beim Erwerb von VW-Aktien Ratenzahlungen zuzulassen, um im Einzelfall die Kurshürde optisch nicht so hoch erscheinen zu lassen, sollte allen Sozialdogmatikern Konzession genug sein.

S. Ch.