Im Jahre 1948 wurde von einem illustren Gremium ein Gutachten zur Hochschulreform vorgelegt, das darauf abzielte, die deutschen Universitäten, die sich in den Jahren von 1933 bis 1945 nicht als Inseln der Freiheit im Ozean des totalitären Staates hatten erweisen können, unabhängiger, funktionsfähiger und – "demokratischer" zu machen.

Bis zum Jahre 1960 ist von den Vorschlägen eines damals allgemein gebilligten Gutachtens kaum einer Wirklichkeit geworden. Da wir den Spiritus rector dieser Reformpläne gebeten haben, uns seine Erklärung dafür zu geben, warum so viel Begeisterung zu so wenig geführt hat, möchten wir hier nicht vorgreifen, nicht in Einzelheiten gehen.

Wir möchten lediglich wissen, was jeder, der unser akademisches Leben als einen Teil seines eigenen Lebens empfindet, zu wissen ein Recht hat: Haben jene Reformer damals geirrt, oder irren sich diejenigen, die heute alles ("von Kleinigkeiten natürlich abgesehen ...") in schöner Ordnung finden? Eine solche Frage zu stellen muß doch erlaubt, sein, ohne daß denjenigen, die sie stellen, Ressentiment, subversive Gesinnung, Niveaulosigkeit oder Mangel an Takt vorgeworfen wird!

Nach jeder Universitätsserie erreichen uns solche Vorwürfe. Es erreichen uns auch – ungerecht wäre es, das zu verschweigen – viele Beifallskundgebungen. Freilich steht, in solchen Briefen nicht nur "Bitte, lassen Sie nicht locker", sondern oft auch "Bitte, nennen Sie meinen Namen nicht." Zustände sind das ...

Das rein technische Verfahren unserer Berichte, "wie man in Deutschland ... studiert", besteht darin, daß ihre Verfasser nicht zu denen gehören, die alles in schöner Ordnung finden. Wo sie dadurch über das Ziel hinausschießen, in unzulässiger Weise verallgemeinern, sich trotz jenen gründlichen Fachkenntnissen, die ja doch Voraussetzung für einen solchen Bericht sein müssen, wohl gar einmal irren – dort wird auf jeden Fall berichtigt, ergänzt, entgegengesetzten Interpretationen Raum gegeben. Keine wichtige Entgegnung haben wir jemals unseren Lesern vorenthalten.

Der Wahrheit so nahe wie möglich kommen durch den Dreischritt von Behauptung, Widerspruch und Kompromiß – das sollen unsere Universitätsberichte. Gegenstimmen zu dem Artikel "Wie man in Deutschland Chemie studiert" veröffentlichen wir in der nächsten Nummer.

Rudolf Walter Leonhardt