Von Wolfgang Ebert

Richtig zu liegen, ist für jeden, der an unserem gesellschaftlichen Leben – und sei es nur auf Parties – teilnimmt, von großem Nutzen. Es ist allerdings einfacher gesagt, als getan.

Stellen wir zunächst einmal fest, was es heißt, falsch zu liegen, ohne uns dabei um die verheerenden Folgen für das Opfer zu kümmern.

Falsch liegt man etwa in gewissen gehobeneren Kreisen Bonns, wenn man die Politik unseres Kanzlers (schon in geringerem Maße die seiner Partei) nicht bewundert. Zumindest seine Außenpolitik hat man dort unter allen Umständen gutzuheißen, während hinsichtlich seiner Wirtschaftsauffassung gewisse Einschränkungen – "davon versteht der Erhard mehr" darf man unbeanstandet äußern – statthaft sind.

Umgekehrt würde es einem Harakiri gleichkommen, würde man die Außen- und die Wirtschaftspolitik des Kanzlers (oder gar die seiner Partei) in gewissen Intellektuellenkreisen, sagen wir, Münchens loben.

Da haben wir gleich die Regel gefunden. Sie lautet: Bevor man sich politisch äußert, stelle man zunächst fest, ob man sich in gehobeneren Kreisen Bonns befindet oder in Intellektuellenkreisen Münchens. Vom rein Geographischen abgesehen, dürfte das auch sonst relativ einfach sein und wird noch dadurch erleichtert, daß sich beide Kreise kaum je überschneiden.

Gefährlicher noch, als im richtigen Kreise die falsche Meinung zu haben, ist es, geteilter Meinung zu sein. Also etwa: sich weder anti- noch proamerikanisch zu gebärden, sondern Amerika vielleicht wohlwollend-skeptisch oder mißtrauischrespektvoll gegenüberzustehen. Wenn es um Amerika geht, hat man unbedingt Farbe zu bekennen, sonst liegt man immer schief.