Aber General Gürsel sagt: "Ich bin gegen Personenkult" Sowjettürke fordert Neutralität – Istanbul nach der Revolution

Von Eka v. Merveldt

Istanbul, im Juli

Der liebenswürdige Türke, der mich von der Pier an der Galata-Brücke abholte, fragte mich sogleich, ob ich einen der Männer sprechen wolle, der dem Istanbuler Revolutionskomitee angehört hatte. Er nannte einen Major, der zwei Jahre im NATO-Hauptquartier gewesen war und jetzt hinter einem Schreibtisch des Rundfunkhauses Radio Müdürlügü sitzt. Am Eingang des großen Hauses saßen zwei würdige Herren, die weiße Schildchen am Rockaufschlag trugen, mit ihrem Photo und ihrem Namen, auf daß ich mich überzeugen konnte, daß sie sie selber waren. Aber wer meinen sie? Nachdem sie lange und umständlich meinen Paß geprüft hatten, nahmen sie ein grünes Schildchen mit einem mir unverständlichen Text und nötigten mich, es an einem Knopf meines Kleides aufzuhängen. Mein sentimentaler Freiheitsdrang revoltierte zwar, aber was half’s! So ausgezeichnet wie eine Ware im Warenhaus durfte ich zu meinem Revolutionär emporsteigen.

Das Kriegsrecht in Istanbul ist noch nicht aufgehoben, wenn sich auch wieder jedermann frei bewegen kann und es auch abends keine Sperrstunden mehr gibt. Man versicherte mir, daß auch die "Vorsichtsmaßnahmen" in den Ämtern, die ich selber erlebt hatte, bald aufhören würden. Dennoch gewann ich, die ich aus dem freien, lebhaften Griechenland gekommen, nachdem ich längere Zeit in Polen gewesen war, den nicht besonders angenehmen Eindruck, daß ich mich hier in einem merkwürdigen Zwischenreich befand, zwischen Asien und Europa nicht nur, auch zwischen Demokratie und Diktatur. Zwar wußte ich längst, daß die Beschreibungen der Historiker und Dichter nicht mehr stimmen, die so blumig das orientalische Leben schilderten und mit ihren Versen das schmutziggraue Wasser des Goldenen Horns vergoldeten. Jetzt schien mir aber auch, daß die Schilderungen der "neuen" Türkei schon überholt seien. Seit Atatürk mit rigorosen Mitteln sein Land dem zivilisatorischen Leben nach westlich-europäischem Beispiel erschloß, ist viel Wasser den Bosporus entlanggeflossen. Starke konservative Kräfte haben den Nachfolgern Atatürks Schwierigkeiten gemacht. Die Türkei rückte wieder ein Stück zurück in die orientalische Welt. Schwere Auseinandersetzungen zwischen jenen politischen Gruppen entstanden, die entweder Asien oder Europa zugewandt waren.

Vor der sozialen Reform

Es herrscht graue, östliche Armut wie in Polen. Und mehr als dort erblickte ich "Große Brüder" an allen Straßenecken: Neben dem Porträt Kemal Atatürks neue Bilder von Kemal Gürsel in allen Amtsgebäuden, an Häuserwänden, Eingängen und Kiosken. Auch die kleinsten Druckereien profitieren davon und arbeiten fleißig, um die neuen Plakate mit seinem Konterfei herzustellen; und willige Künstler malen goldene Gürsel auf rote Glasplatten, die von unbändig schreienden Straßenhändlern verkauft werden. Was nützt es dem ruhigen General, daß er kürzlich auf einer großen Versammlung, die ihm frenetisch zujubelte, ausrief: "Habt ihr immer noch nicht genug von der Heldenverehrung? Ich bin gegen den Personenkult!"