Wie segelnde Pfeile

Im Keuchen der Dünung die Fische verfolgend.

Im Spiegel des Friedens der Stürme Gewalt.

"Der Name Adrien Turel bezeichnet eine der großartigsten geistig-seelischen Kraftzentralen, die heute in den Dienst einer innern Durchleuchtung der Menschenwelt gestellt sind", schrieb Oskar Loerke 1925 in einer Besprechung. Damals war das Oeuvre des gebürtigen Westschweizers, der in Petersburg zur Welt gekommen war und in Berlin lebte (bis er 1934 nach Zürich übersiedelte), noch schmal. Es wuchs bald an, und in kulturkritischen Schriften, Gedichten, Romanen sprach sich immer klarer eine Persönlichkeit von eigenstem geistigen Profil aus. Beachtet freilich wurde das Schaffen Turels nur von einem kleinen Kreis von Freunden, und er, der den "Erfolgsstreik" als nötige Haltung des geistig freien Menschen in unserm Jahrhundert proklamierte, pflegte mit feiner Selbstironie zu sagen: "Ich bin ein berühmter Mann – es hat sich nur noch nicht herumgesprochen."

Mir kamen zum erstenmal vor etwa sechs Jahren Gedichte von Adrien Turel unter die Augen, darunter das hier wiedergegebene Zürichsee-Gedicht, das mich besonders stark fesselte. Es gibt Gedichte – Gedichte klassischer und zeitgenössischer Lyriker –, die ich seit längerer Zeit liebe. Aber das Gedicht von Adrien Turel ist in einem aktiveren Sinne "mein Gedicht" geworden. Es führte mich zum Lebenswerk dieses außerordentlichen Mannes, zur persönlichen Bekanntschaft mit ihm und zum editorischen Einsatz für ihn.

Die Weltsicht Turels – die sich in seinen Gedichten ebenso eigenständig ausformt wie in seinen darstellenden Schriften – ist dialektisch und quaternistisch. Für die Dialektik, die Polarität der Existenz findet er gerade in seinen Gedichten immer wieder bildhaft-treffende Formeln. Da er aber zugleich quaternistisch denkt, das heißt die Erfahrung der Zeit als vierte Dimension mit einbezieht, können sich für ihn die Polaritäten nicht symmetrischräumlich anordnen und im schwebenden Gleichgewicht einer Mittellage auflösen, sondern nur temporal im "Blitz querweltein" (mathematisch: im Radius-Vektor) erfahren werden. Der Unterschied wird einprägsam, wenn wir neben Turels Zürichsee-Gedicht ein klassisches Gedicht stellen, das gleichfalls von geographischen Bildern ausgeht, zum Beispiel Hölderlins Elegie Der Wanderer. Dort findet der Dichter zwischen dem "reißenden Feuer" Afrikas und dem "eisernen Schlaf" des Eispols unter der "milderen Sonne" der "glücklichen Heimat" das reine Menschliche. Turel dagegen fühlt sich auf der Höhe des Menschen nur, wenn er jedenorts – auch an einem milden Sommerabend am Zürichsee – "die Gegenwelt erleidet", wenn sein Bewußtsein querweltein zu den Antipoden vorstößt, so daß der eigene Daseins-Augenblick in ein Spiegel-Verhältnis zur "weltreziproken" Daseins-Möglichkeit gerät.

Unter den Freunden Turels gehen die Meinungen darüber auseinander, ob er in erster Linie Denker oder in erster Linie Dichter war. Mir scheint diese Frage müßig. Er war ein außerordentlicher Mann, ein freier Mann und – dies ist meine Überzeugung – der interessanteste Schweizer Lyriker des letzten halben Jahrhunderts. Es hat sich nur noch nicht herumgesprochen.

HANS RUDOLF HILTY, geboren 1925 in St. Gallen, studierte in Zürich und Basel und lebt als freier Publizist in St. Gallen. Gibt seit 1951 die Illustrierte Zweimonatsschrift für neue Dichtung "hortulus" und seit 1959 die Reihe "Die Quadrat-Bücher" heraus. Seine wichtigsten eigenen Buchveröffentlichungen sind die beiden Gedichtbände "Eingebrannt in den Schnee" (1956) und "Daß die Erde uns leicht sei" (1956), sowie der demnächst erscheinende Essay-Band "Jeanne d’Arc bei Schiller und Anouilh".