Von Ernst Kreuder

An einem Augusttag schreibt Elisabeth Langgässer, sechsundvierzigjährig damals, an die Freundin der gemeinsamen Griesheimer Jahre: "Heute sah ich auf der ‚Anschlagspost‘ am Reichskanzlerplatz (auf dem Bretterzaun), daß jemand Post nach Darmstadt mitnimmt und schicke Dir in aller Eile diesen Brief..." Der Bretterzaun steht in Berlin. August 1945.

Berlin, März 1947, nach ihrem Besuch in Alsbach an der Bergstraße, an die Dichterin Oda Schaefer: "... die Wohnung meiner Freundin mit einemgeradezu trunken machenden Blick über die Rheinebene – weit, weit, undschon aufglänzend von der Ahnung des Frühlings – ich könnte weinen und vergehen, wenn ich daran denke! Ach, Heimat. Heute weiß ich erst ganz, wie sehr ich sie entbehrt habe."

An den aus der Emigration zurückgekehrten Marburger Literaturhistoriker Werner Milch, den sie um drei Monate überleben wird: "Ach, ich sehne mich wieder nach dem Südwesten zurück und weiß ganz genau, daß irgendwo bei der Wurzel irgendeines zähen, krummen Rebstocks meine eigene liegt..."

Die Dichterin der "Tierkreisgedichte", der Romane "Gang durch das Ried", "Das unauslöschliche Siegel", "Märkische Argonautenfahrt", des Gedichtbandes "Der Laubbaum und die Rose" liegt nun in Darmstadt begraben, im Alten Friedhof an der Nieder-Ramstädter Straße.

In ihren literaturkritischen Aufsätzen finden sich häufig Reflexionen über die dämonischen Wesenheiten der Natur: sie sind von ihrer christlichen Weltsicht bestimmt. Über die Bestimmung, die Kindheit, Heimat und dereinst Heimweh für das Werk der Dichterin besitzen, finden sich darin keine Aufschlüsse. Um so sichtbarer, drängender haben diese Landschaftswesen ihre Prosa, ihre Lyrik, bis in die "Mundart" der Diktion, durchdrungen, Ton, Klima und Essenz ihrer Sprache bestimmt.

Dreißigjährig verläßt Elisabeth Langgässer die hessische Heimat und geht nach Berlin. Sie ver-– sucht, von schriftstellerischen Arbeiten zu leben. Cordelia, ihre erste Tochter, kommt dort zur Welt und vierzehn Jahre später, 1944, nach Theresienstadt ins Konzentrationslager. (Sie wurde befreit.) Inzwischen hat Reichspräsident Hindenburg Hitler zum Reichskanzler ernannt, und die "Rassentheorie" hemmungsloser, strammer, amusischer Kleinbürger wird (mit Pistole und Totschläger) öffentlich praktiziert.