J. K., Paris, im Juli

Achtzehn Monate hat die Diskussion zwischen Regierung und Stahlindustrie über die politische und wirtschaftliche Zweckmäßigkeit des Baues eines Stahl- und Walzwerkes bei Bône im östlichen Grenzgebiet Algeriens gedauert. Die Stahlindustrie wollte die Politik gerne der Regierung überlassen. Ihre Bedenken hinsichtlich der Wirtschaftlichkeit eines solchen Unternehmens in einem Lande, dessen Aufnahmemöglichkeiten für Stahlprodukte auf viele Jahre hinaus noch sehr beschränkt sein werden, wurden schließlich durch bedeutende finanzielle Konzessionen des Staatesüberwunden.

Ein Viertel der auf 820 Mill. NF veranschlagten Gesamtkosten wird der Staat in Form eines Zuschusses à fond perdu übernehmen. Zu welchen Preisen der zukünftige Stahl von Bône verkauft werden kann und wer ihn abnehmen wird, darüber will man später reden. Die Hauptsache ist für die Regierung, daß mit dem Bau noch in diesem Jahr begonnen und somit der Wille der Regierung, Algerien ein Stahlwerk und eine metallverarbeitende Industrie zu geben, möglichst rasch verwirklicht wird. Gleichzeitig soll damit der Optimismus der Regierung über die zukünftige politische Lösung in Algerien bekräftigt und dem wirtschaftlichen Entwicklungsplan für Algerien (Plan von Constantine) ein starker Auftrieb verliehen werden.

Die Durchführung dieses Planes hat bisher zwar beachtliche, aber den wirtschaftlichen und politischen Notwendigkeiten entsprechend doch noch ungenügende Fortschritte gemacht. Die Durchführung des Stahlwerkprojektes kommt gleichzeitig den Bemühungen der Verwaltung um eine Dezentralisierung der allzu stark auf den Bezirk von Algier zugeschnittenen wirtschaftlichen und industriellen Tätigkeit entgegen.

Das Projekt sieht den Ausbau einer Stahlkapazität von rd. 500 000 t pro Jahr für 1964 oder 1965 vor. Die erste Baustufe soll bis Ende 1962 mit der Erstellung einer ersten Verhüttungsanlage und mit einem Kostenaufwand von 100 Mill. NF vollendet werden. Einzelheiten über die weiteren Etappen sind noch nicht endgültig ausgearbeitet worden. So steht noch keineswegs fest, welches Verfahren zur Herstellung des Roheisens endgültig verwendet werden wird: klassischer Hochofen, elektrischer Niederofen, oder Direktverarbeitung des Erzes durch 3as? Die etwa 180 km von Bône gelegenen Eisen-Erzgruben von Ouenza werden das bisher nicht abgebaute, weil für den Export nicht rentable Eisenerz minderen Erzgehaltes verwenden. Auch aber die Stahlsorten, die in Bône gewalzt werden sollen, ist noch keine endgültige Entscheidung gesoffen worden.

Eigentümer dieses Stahlcomplexes ist die in Bildung begriffene Société Bônoise de Siderurgie, eine private Aktiengesellschaft mit einem Kapital von ungefähr 170 Mill. MF. Daran sind die 32 größten französischen Hüttenwerke mit 51 vH, die vom französischen Staat kontrollierte Gruaengesellschaft Société de mines de fer d’Ouenza mit 20 vH und eine französische Bankengruppe unter Führung der führenden privaten Großbank Banque de Paris et des Pays-Bas sowie zwei algerische Entwicklungsgesellschaften zu insgesamt 29 vH beteiligt. Der große französische Stahlkonzern Schneider-Creusot stellt in der Person seines Generaldirektors Henri Vicaire den Verwaltungsratpräsidenten der neuen Gesellschaft.