Von Theo Sommer

Boston, im Juli

In der riesigen Sporthalle von Los Angeles, dem Tagungsort des Demokratischen Parteikonvents, brach die Hölle los. Klappern klapperten, Rasseln rasselten, Trompeten trompeteten, Fahnen wurden geschwenkt und Transparente gehißt. Kennedy hielt seinen Einzug in die Arena, ein müder, glücklicher Sieger. Das Ungebärdigjungenhafte, das ihn sonst kennzeichnet, war überlagert von tiefem Ernst. Er vergaß in dieser frühen Morgenstunde – es, ging auf drei Uhr – das breite Lächeln, das ihn zum Liebling vieler Amerikaner (zumal der Amerikanerinnen) hat werden lassen. Ein paar Worte des Dankes in seinem präzisen Harvard-Akzent, einige Sitze der Ermunterung. Die Nationalhymne sang er wie einer, der mit seinen Gedanken weit weg ist... oder weit voraus.

Eigentlich hatte er nicht Politiker werden vollen – John ("Jack") Fitzgerald Kennedy, der Millionärssohn aus Boston. Gewiß, seine katholische Familie irischer Abstammung hat starke politische Traditionen. Sie hatte Bürgermeister in Boston gestellt, Kongreßleute und Senatoren. Jacks Vater hatte sich als Wirtschaftskommissar Roosevelts ausgezeichnet und war bei Kriegsausbruch amerikanischer Botschafter in London. Der junge Kennedy, der in Privatschulen erzogen wurde, sodann seine Universitätsausbildung in Harvard und an der London School of Economics erhielt, atmete denn auch von Kindesbeinen an politische Luft. Doch war nicht ihm, sondern seinem älteren Bruder Joe eine politische Karriere bestimmt worden, während sich Jack auf eine journalistische Karriere vorbereitete. Joe indes fiel als Pilot im Zweiten Weltkrieg, und danach beschloß die Familie, daß Jack in seine Fußtapfen treten solle. Er beugte sich diesem Beschluß. "Wir alle müssen manchmal Dinge tun, die wir nicht mögen", sagte er damals. Jack gab seine Zeitungskarriere auf (er hatte für den Hearst-Konzern über die Vereinten Nationen, die englischen Wahlen vom Juli 1945 und die Potsdamer Konferenz berichtet) und stürzte sich in die Politik.

Er hatte auch jenes Kriegsabenteuer "nicht gemocht", das ihn zuerst bekanntgemacht hatte: Leutnant Kennedy stand am Ruder seines Patrouillenbootes, als ein japanischer Zerstörer das amerikanische Marinefahrzeug PT 109 in voller Fahrt rammte und in zwei Teile schnitt. Das war im Jahre 1943 vor den Salomonen-Inseln. Kennedy überlebte den Zusammenstoß, und mit ihm trieben zehn seiner zwölf Männer im kalten Wasser des Pazifik. Leutnant Kennedy sprach den Verzagten Mut zu, den Schwachen wies er einen Platz an der einzigen Planke an, die von seinem Boot übriggeblieben war. Im Morgengrauen machte er fünf Kilometer entfernt eine Insel aus. Für diese fünf Kilometer brauchten die Schiffbrüchigen fünf Stunden. Kennedy selber verbiß sich mit den Zähnen im Schwimmwesten-Riemen seines schwerverwundeten Maschinenmaats und zog ihn hinter sich her. Fünf Stunden lang schwamm er, fünf Stunden lang hielt er das Leben seines Maats zwischen den Zähnen – unverdrossen, ausdauernd, zielbewußt. Am Ende brachte er seine Leute heil nach Hause; eine hohe Auszeichnung war die Belohnung. Er war damals 26 Jahre alt.

Kennedy war 29 Jahre alt, als er 1946 seinen ersten Sitz im Repräsentantenhaus errang. Zusammen mit ihm leistete ein anderer junger Kongreßmann seinen ersten Amtseid: Richard Nixon.

Im Repräsentantenhaus am Potomac vertrat Jack Kennedy den elften Distrikt Bostons – einen Bezirk, der zwar das Universitätsviertel Harvard einschließt, hauptsächlich aber aus mittelständischen Wohngegenden und aus Slums besteht. Der Millionärssohn, der als Student in London zu Füßen des Sozialisten Harold Laski gesessen hatte, nahm sich vor allem der Arbeiterprobleme an. Als Fachmann für die Sozialgesetzgebung machte er dann auch im Senat von sich reden, in den er 1952 gewählt wurde (nach einem harten Kampf übrigens gegen Henry Cabot Lodge, den Wegbereiter Eisenhowers und jetzigen Chefdelegierten der USA bei den Vereinten Nationen). Doch beeindruckte er seine Kollegen nicht minder durch seine weltoffene, unabhängige Einstellung zur Außenpolitik, insbesondere durch sein Eintreten für die verstärkte Wirtschaftshilfe an die unterentwickelten Länder und seinen erfolgreichen Kampf für amerikanische Finanzhilfe an Polen. Seit 1957 gehört er dem Außenpolitischen Ausschuß des Senats an. Vor diesem Gremium setzte er sich in seiner ersten aufsehenerregenden Rede für die algerische Unabhängigkeit ein.