Von Petra Kipphoff

Ein Roman schafft seine eigene Welt. Sie kann uns, den Lesern, lieb sein; dann fühlen wir uns wohl in diesem Roman. Sie kann uns ganz fremd, sogar feindlich begegnen – und gerade dadurch interessieren. Wie aber ist es mit dem, was dazwischen liegt, mit einer Welt, die nicht liebenswert ist, aber auch nicht fremd genug, um zu faszinieren?

Das zu prüfen hat man Gelegenheit bei dem in unübertrefflicher Exaktheit auf Mitte abgesteckten Roman von Rudolf Lorenzen: Alles andere als ein Held (Verlag Ullstein, Berlin, 18,50 DM).

Robert Mohwinkel, von dem der Roman handelt, ist das, was in Gestalt eines Kindes dabei herauskommt, wenn sich in Bremen demütige Korrektheit und leicht verlogene Dümmlichkeit in Gestalt von Mann und Frau zusammentun. Das ergibt dann einen bläßlichen Knaben Robert, der in der Schule wie in der Hitlerjugend, vom Freund wie von der Mutter drangsaliert wird und sich dagegen nicht zur Wehr setzt – aus Angst, aus Temperamentlosigkeit.

Als Untersekundaner muß Robert die Schule verlassen; er tritt in die Lehre bei einer Schiff – fahrtsfirma ein. Mit diesem Schritt ins Leben wird seine Indifferenz zum System erhoben – etwa so: Man darf nichts wünschen und nichts fürchten, sondern muß jeder Lage Verständnis entgegenbringen und allen Herren mit der gleichen gewissenhaften Pünktlichkeit untertan sein. Das Leben ist ein Programm, dessen verschiedene Punkte exakt und in der richtigen Reihenfolge zu erledigen sind. So man es zu etwas bringen will. Im Büro heißt das: erst die Arbeit als Lehrling am Stehpult berechtigt zur Hoffnung auf den Sitz im abgetrennten Lattenverschlag als Prokurist. In der Tanzstunde müssen erst Anfängerkurs sowie Fortgeschrittene I und II absolviert werden, ehe man hoffen darf, an den Teetisch für erlesene Schüler gebeten zu werden. Und auch in der Liebe bringt man es nur dann weiter, wenn die Verschiedenen Programmpunkte pünktlich und in richtiger Reihenfolge erledigt werden. Was Robert dann auch fein alles tut.

Mit seinem System der gewissenhaften Unterordnung übersteht Robert als Funker den Krieg, Aber als er aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause kommt und wieder in die alte Firma eintritt, merkt er, daß seine Welt nicht mehr stimmt Die neuen Lehrlinge zeigen arrogante Aufsässigkeit statt untertäniger Dienstbeflissenheit, und in den Prokuristenkäfig kann auch kommen, wer nie Lehrling gewesen ist.

Robert findet sich nicht mehr zurecht und wird von seiner Firma nach Frankreich abgeschoben Stufe um Stufe geht es dann abwärts; und mit derselben Gleichgültigkeit, mit der Robert früher ein ehrlicher Mensch war, wird er hier Nutznießer von Schmuggelgeschäften, die ihm so viel einbringen, daß er in Lübeck eine eigene Firma gründen und sich eine Haushälterin für Küche und Schlafzimmer halten kann.