Reporter schnuppert sich durch England – Yardley, Players und White Horse

London, im Juli

Jedes Land riecht anders. Das kann Ihnen jeder Hund bestätigen. Der Spürsinn der europäischen Touristen ist jedoch leider durch Auspuffgase stark beeinträchtigt worden. Doch es scheint an der Zeit zu sein, sie daran zu erinnern, daß man von einer Auslandsreise nicht nur mit Farbphotos und Schallplatten, sondern auch mit einem Geruchsbild in die Heimat zurückkehren sollte. Die Quintessenz eines Landes kann man nur erfassen, wenn man es mit offener Nase bereist.

Da es auf unserer Insel seit drei Wochen nicht geregnet hat, scheint der Zeitpunkt besonders günstig, sich über die typisch englischen Gerüche zu verbreiten. In einem nördlichen Land wie England, dessen Einwohner oft recht puritanisch sind, ist es natürlich etwas schwieriger, sich ein charakteristisches Geruchsbild zu erschnuppern, als zum Beispiel in Frankreich, wo Knoblauch und Gauloise-Zigaretten ihre Aura verbreiten. Allzu viele Engländerinnen halten Parfüm noch für sündhaft und bereichern die neblige Atmosphäre lediglich mit einem Duft von Waschpulver.

Dafür riechen die Gärten um so besser. Frisch gemähter Rasen und Lavendel, den die englischen Hausfrauen noch immer getrocknet zwischen die gestapelte Wäsche legen, beherrschen die Geruchskulisse der endlosen Vorstädte. Kommt man jedoch in die backsteinroten Häuser hinein, so bestimmt das rauchende Kaminfeuer und die lustig gurgelnde Pfeife des Hausherrn die Atmosphäre. Motten fühlen sich in den meisten englischen Häusern deshalb nie recht wohl.

In den verrußten Industriestädten wird der geruchsfreudige Reisende unschwer den Malzessig wittern, mit dem die Briten ihren Bratfisch und sogar ihre Bratkartoffeln begießen. Im Vergleich zum deutschen Harzer sind die englischen Käse relativ harmlos. Keine vernünftige Nase wird jedoch zu leugnen versuchen, daß die drei Millionen Katzen der tierliebenden Engländer geruchsmäßig erfaßbar sind.

Wer ein wirklicher Gentleman sein will, der duftet ein wenig nach Pferd und Leder. Ein entsprechendes Gesichtswasser ist bereits von einer Londoner Firma hergestellt worden. Die fanatisch hygienischen Amerikaner riechen naserümpfend, wie die Briten ihre Schlafzimmer mit altmodischen Gasfeuern verräuchern und die Fliegen im Garten mit einer herzhaften Schicht altmodischer Pferdeäpfel beglücken. Aber sie wissen es doch zu schätzen, daß die schönen alten Truhen und Schränke das Aroma einer Möbelpolitur verbreiten und man riechen kann, ob die Hausfrau fleißig war oder nicht.

Yardley, Players, White Horse, muffig-traditionelle Public Schools, Cocker Spaniels, ~~~~~~ und Laubfeuer in Millionen von kleinen Gärten – sie geben bei uns auf der Insel sozusagen den Geruch an und machen es lohnenswert für den Touristen, sich durch England zu schnuppern. Allerdings dürfen Sie mit Ihrer Reise nicht allzu lange warten, denn der Europäische Gemeinsame Geruch breitet sich auch auf den britischen Inseln aus: Der Dieselqualm der Laster hängt immer dicker über uns; die Bundesdeutschen kaufen weniger Harzer und die Engländer weniger Chester, denn europäischer Zellophankäse wird in den beliebten "Scheibletten" angeboten. Sogar die berühmten Fish and Chips-Läden duften nicht mehr so häufig durch den britischen Asphaltdschungel – sie haben sich auf die irgendwo in Europa am Fließband gemästeten, relativ geruchslosen Hähnchen am Spieß umgestellt. In zehn Jahren wird der Feinriecher in Europa nicht mehr auf seine Kosten kommen. Eric Orton