Funktionäre – pfiffig; doch blamiert

Schätzen wir einmal, daß am vergangenen Sonntagnachmittag fünf Millionen Zuschauer vor den Fernsehapparaten Zeugen der Olympia-Ausscheidungskämpfe der Turner waren, dann kann man sagen, daß die Kampfrichter, die aus der Sowjetzone nach München gekommen waren, um in paritätischer Gemeinsamkeit mit den westdeutschen Experten die besten Turner aus beiden Teilen Deutschlands auszusuchen, sich fünfmillionenfach blamiert haben. Sobald auf der Bühne der "Bayernhalle" ein Westdeutscher auftrat, der für die Reise nach Rom in Frage kam, wie Günther Jakobi mit seinen musterhaften Leistungen am Barren und beim Pferdsprung oder Helmut Bantz mit seiner vollendeten, kühnen Übung am Reck, dann geizten sie mit Wertungspunkten. Doch verschwenderisch teilten sie ihre Punkte aus, wenn es um Turner aus der Sowjetzone ging. So kam es, daß Bantz und Jakobi nur als Ersatzmänner zu den Olympischen Spielen fahren werden, während beispielsweise Günther Nachtigall aus Ostberlin ordentliches Mitglied der Rom-Riege wird, obwohl er am Barren und am Pferd wenig leistete. Sechs Mitglieder hat die gesamtdeutsche Riege; aber nur zwei, nämlich die überragenden Turner Philipp Fürst und Günther Lyhs, stammen aus der Bundesrepublik. Das haben mit skandalöser Unverschämtheit die Kampfrichter der Zone vermocht! Und rund fünf Millionen Zuschauer haben es gesehen...

Immer wieder lähmende, peinigende Unterbrechungen! Immer wieder leerten sich die Richterplätze. Die Herren stritten sich "hinter den Kulissen", jeweils eine viertel- oder eine halbe Stunde lang. Denn die Funktionäre aus der Zone hatten jene Parole, daß der deutsche Sport – symbolisiert in einer Gesamtdeutschen Mannschaft – das politisch Trennende großzügig außer acht lassen solle, offensichtlich so verstanden, daß es, anstatt auf die bestmögliche deutsche Riege, einzig und allein darauf ankomme, möglichst viel Turner aus ihrem Machtbereich in die Mannschaft hineinzubugsieren. So feilschten und fälschten sie, plump und dreist, unbekümmert um tobende Proteste der in der Münchener Bayernhalle versammelten Menge.

Da eine dergestalt zusammengesetzte Mannschaft unmöglich dem Sport oder der Turnerkunst dienen kann, waren die Funktionäre wohl nur darauf aus, der Politik zu dienen, auf daß es in Rom heißen möge: Wie stark ist doch – vier stramme Männer – die "DDR"; wie schwach – zwei Männlein klein – die Bundesrepublik! Aber solch ein Propaganda-Effekt in Rom sollte doch selbst in ihren Augen – so hoch die Funktionäre ihn immer anschlagen mögen – den Blamage-Effekt von München nicht aufwiegen.

Wer unter den fünf Millionen Zuschauern war, konnte diesmal leicht erkennen: Es war wieder einmal der Dümmere, der hier nicht nachgab. Aber erklär’ das einer den Funktionären von drüben! Die halten gewiß für pfiffig, was so erfolgreich war und – ach so blamabel für sie selber, J. M.-M.