–nn, Freiburg

Bis zum Frühjahr dieses Jahres war das Zastler-Tal – am Fuß des Feldbergs im Schwarzwald gelegen – nur Fußwanderern und Leuten der näheren Umgebung ein Begriff. Ein Schild am Taleingang in Oberried weist darauf hin: Die fahrbare Straße endet nach sechs Kilometern. Und wer geht – selbst in einem der schönsten Schwarzwald-Täler – noch gerne zu Fuß? So war und blieb der Name Zastler unbekannt.

Daß er seit einigen Monaten zu einem Begriff geworden ist, verdankt die 263-Einwohner-Gemeinde dem CDU-Bundestagsabgeordneten Hilbert. Auch der Ärger der Mutter Zähringer vom Krummholzergut wird daran nichts ändern: "Daß wir jetzt immer in die Zeitung kommen ... Ihr solltet uns in Ruhe lassen. Wir sind auch so zufrieden...".

MdB Hilbert – eigentlich für einen anderen Wahlkreis zuständig – ist dagegen der unumstößlichen Meinung, daß die Leute im Zastler-Tal sehr unzufrieden wären. "Die Verhältnisse im Zastler-Tal sind einmalig – sie sind eine Kulturschande für Deutschland", donnerte er im Dorfgasthaus "Zur Blume" den erstaunten Bürgern entgegen. Das war vor der Kommunalwahl in Baden-Württemberg. Aber auch nach der Wahl hat es keine Ruhe in dem sonst so ruhigen Tal gegeben, und der CDU-Landtagsabgeordnete Dr. Person fand das Wort von der "Staatskolchose im Zastler-Tal, der einzigen Kolchose in Westdeutschland". Es druckt sich gut und wird seitdem immer wieder gedruckt.

Anlaß zu diesen harten Worten ist die historische Tatsache, daß in den Jahren zwischen 1840 und 1927 die neun großen Waldbauern-Höfe des Tals von ihren Besitzern aufgegeben oder – in fünf Fällen – an den Staat verkauft wurden. Zwei weitere Höfe waren schon früher aufgegeben worden. Außer den fünf Höfen kamen in der gleichen Zeit noch drei "Stöckle" (Altensitze), zwei "Berghäusle" und zwei "Gütle" in Staatsbesitz. Auch drei Tagelöhnergütchen, eine Wagnerei und eine aus den achtziger Jahren stammende, ewig unrentable Bürstenfabrik, die 1904 endgültig Konkurs machte, wurden verkauft. Tatsächlich ist damit praktisch aller Besitz im Zastler-Tal in die Hand des Staates – der Staatlichen Forstverwaltung – übergegangen.

Ältere Leute erinnern sich noch gut daran, daß der Verkauf gar nicht so einfach war. Niemand wollte die Waldbauern-Höfe haben, in denen man sich ein Leben lang schinden mußte und doch kaum zum Nötigsten kam. Die Höfe waren ohne größeren Waldbesitz nicht lebensfähig. Hatte man genügend Wald, dann war er in der Regel nicht rentabel: Er liegt – damals wie heute – an steilen Südhängen und ist – zum Teil heute noch – mit unwirtschaftlichem, geringwüchsigem Laubholz bestockt. Außerdem war dieser Wald damals fast unerschlossen. Der Staat mußte seit dem Jahre 1900 rund 1,5 Millionen Mark ausgeben, um die wichtigsten Wege anzulegen. Nach Rechnung der Forstverwaltung müssen nochmals rund 1 Million Mark auf den Tisch, um sinnvolle Verhältnisse zu schaffen. Landwirtschaftlich ist die Situation noch ungünstiger: Eine 1945 von den Besatzungsbehörden erzwungene Rodung ergab, daß die steilen und felsigen Böden zum Ackerbau ungeeignet sind.

So ist von der ganzen Landwirtschaft im wesentlichen nur ein Hof – der Burghardshof – mit 4 ha Acker, 8,4 ha Wiese und 0,9 ha Weide übriggeblieben. Adolf Bäuerle – zugleich Ortsdiener und Weidwart – bewirtschaftet ihn zusammen mit seinem Sohn. Alle anderen erwerbstätigen Bäuerle-Kinder – insgesamt acht – tun das, was alle erwerbstätigen Leute des Ortes tun: Sie arbeiten als Waldarbeiter bei Staat oder Gemeinde oder fahren nach Freiburg zur Arbeit. Geblieben ist das, was man dort eine "Feierabend-Bauerei" nennt: Nach der Arbeit oder auch im Urlaub bestellen die Leute ihr Stückchen Land und pflegen ihr bißchen Vieh – fast ausschließlich für den eigenen Bedarf.