Die Memoiren des Reichskanzlers

Von Werner Schütz

Werner Schütz, 1900 in Münster geboren, stammt aus einem protestantischen Pfarrhaus. Er wurde Rechtsanwalt, während des Dritten Reiches Berater der Bekennenden Kirche. Nach dem Krieg? hat er in Düsseldorf zusammen mit Karl Arnold die CDU gegründet, deren Zweiter Vorsitzender er wurde. Von 1954 bis 1956 war er und seit 1951 ist er Kultusminister von Nordrhein-Westfalen.

In der kaiserlichen Epoche haben sieben von acht Reichskanzlern uns Erinnerungen hinterlassen: Bismarck, Hohenlohe, Bülow, Bethmann-Hollweg, Michaelis, Hertling und Prinz Max von Baden; nur der zweite, Caprivi, schwieg sich aus.

Von den Reichskanzlern der Weimarer Epoche sprachen bis heute Scheidemann, Stresemann und von Papen. Brüning ist mit seiner wiederholtei Zusage, einen Bericht vorzulegen, in Verzug.

Der Wert der Werke all dieser für unser Schicksal mitverantwortlichen Staatsmänner und Politiker ist unterschiedlich. Erratische Blöcke, von Lothar Buchers Hand vorsichtig behauen: so stellen sich die einzelnen Kapitel in Bismarcks Gedanken und Erinnerungen dar. Eine wichtige Kompilation von Notizen, Reden und Briefen: so kann man den wissenschaftlich bearbeiteten Nachlaß von Hohenlohe bezeichnen. Unzuverlässig und geschwätzig, aber für die Kenntnis der Wilhelminischen Epoche unentbehrlich sind die vier gewichtigen Bände aus Bülows Feder; redlich und ledern wie ihr Verfasser die Betrachtungen Bethmann-Hollwegs zum Weltkriege; einspurig und dürftig das rührende Werk von Michaelis; ein wenig professoral und weltfremd die Darlegungen seines Nachfolgers, des Grafen Hertling (die übrigens die Reichskanzlerzeit nicht umgreifen); politisch und pädagogisch gleich unentbehrlich die Verteidigungsschrift des Prinzen Max von Baden.

Und nun werden uns Erinnerungen vorgelegt, die ganz zweifellos die wichtigsten der Weimarer Epoche sind –

Hans Luther: "Politiker ohne Partei"; Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart; 438 S., 27,80 DM.

Die Memoiren des Reichskanzlers

Hans Luther, geboren 1879, gehörte bis zum 1. Dezember 1922 kommunalen Bereichen an, war dann bis zum 6. Oktober 1923 Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft, bis zum 19. Januar 1925 Reichsfinanzminister und bis zum 13. Mai 1926 Reichskanzler. Aus läppischen Gründen schied er an diesem Tage aus der eigentlichen politischen Verantwortung aus, um später noch zweimal hervorzutreten: als Reichsbankpräsident vom März 1930 bis März 1933, und als deutscher Botschafter bei den USA im Anschluß hieran vier Jahre.

Sein Erinnerungsbuch hat somit eine sehr wichtige Grundlage: den Abstand von den Geschehnissen, in deren Mittelpunkt er stand.

Das Werk gliedert sich in vier Hauptteile. Mit dem ersten Teil, der den Lebensweg von der Vorbereitungszeit bis zum Oberbürgermeister in Essen umgreift, hatte uns der Verfasser früher bereits in drei Schriften vertraut gemacht. Dir zweite bis vierte Teil behandeln dann seine politische Laufbahn, die mit ihren unerhörten Bemühungen und einmaligen Erfolgen nur eine verhältnismäßig kurze Zeitspanne von dreieinhalb Jahren umfaßt.

Ein Biograph Gustav Stresemanns meinte am Schluß seines Werkes, daß man von Gustav Stresemann denken könne, wie man wolle: "Damals – in den Jahren 1923 bis 1929 –war er Deutschland." Man wird für Hans Luther hinzufügen dürfen: "Damals – in den Jahren 1922 bis 1926 – war er gleichfalls ein Stück Deutschlands."

Er begann, sich selbst für diesen Posten empfehlend, als Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft und bewies wieder einmal, daß die Belange gerade der Landwirtschaft besser einem neutralen, politisch und verwaltungsmäßig zuverlässigen Manne anvertraut werden, als einem Interessenvertreter aus dem Grünen Bereich. Hans Luthers rein fachliche Darlegungen fesseln ebenso wie seine Darstellung des Ruhrkampfes und die damalige psychologische Bewertung unserer französischen Nachbarn. Ganz sicher war Hans Luther den Reichskanzlern Wilhelm Cuno und Gustav Stresemann ein ebenso loyaler wie einsatzbereiter Mitarbeiter; und daß er Gustav Stresemann in seiner furchtbaren Aufgabe, den nun aussichtslos gewordenen Ruhrkampf abzubrechen, mannhaft unterstützte, verdient gerade heute erneut dankbare Würdigung.

Noch als Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft begann Hans Luther die Vorarbeiten für die Schaffung der Rentenmark und damit die endgültige Stabilisierung der in den Jahren 1922 und 1923 zerbrochenen Währung. Und in den diese Probleme behandelnden Ausführungen möchte ich das vielleicht wesentliche Verdienst des Werkes sehen: in der unwiderleglich genauen Beweisführung gegen Dr. Hjalmar Schacht und seine früheren wie heutigen Anhänger. Aus den Wahlkämpfen des Jahres 1924 sind noch Werbeverse in Erinnerung, wie: "Wer hat die Rentenmark erdacht? Ein Demokrat: der Doktor Schacht" und ähnliche, in denen sich die treue Wacht der Deutschen Demokratischen Partei, die an der Rentenmark gehalten werde, wiederum auf Dr. Hjalmar Schacht reimt. Von diesen parteipolitischen Legenden bleibt nun nicht mehr das geringste übrig: nach seinen genau begründeten Darlegungen ist an der Schöpfung der Rentenmark durch den am 6. Oktober 1923 zum Reichsfinanzminister berufenen Hans Luther nicht mehr zu zweifeln. Dadurch werden die Verdienste Dr. Hjalmar Schachts, der erst am 12. November 1923 zum Währungskommissar berufen wurde, um die Festigung und Erhaltung der Währung in der Folgezeit nicht in Zweifel gezogen; aber eingeleitet wurde die Stabilisierung durch andere, und begründet zweifellos durch die einmalige, ungeheure Energie des damaligen Reichsfinanzministers Hans Luther.

Auf dieses Verdienst ist ganz sicher auch die überragende Stellung zurückzuführen, die ihm damals allseitig zuerkannt wurde, sowie die Berufung zum Reichskanzler am 19. Januar 1925: unter Übergehung maßgeblicher, von ihren eigenen politischen Parteien getragener Parlamentarier.

Die Memoiren des Reichskanzlers

Die Schilderung der nun folgenden Epoche gehört zu den schönsten Kapiteln des Buches: die Zeichnung der Persönlichkeit des Reichspräsidenten Fritz Ebert und seines Nachfolgers Paul von Hindenburg sind Meisterstücke politischer Weisheit und literarischer Porträtierkunst. Man erlebt eine ebenso erregende wie schöpferische Epoche unserer deutschen Geschichte noch einmal.

Sie war auch von besonderer außenpolitischer Bedeutung: Bereits im Jahre 1923 hatte Gustav Stresemann als Reichskanzler versucht, die politisch und psychologisch trennenden Schranken zwischen Frankreich und Deutschland abzubauen. In diese Arbeit trat nun in den Jahren 1924 bis 1926 Hans Luther mit ein, in guter Zusammenarbeit mit Gustav Stresemann und gleichwohl in eigener Auffassung und Verantwortung. Das ergibt sich aus seinem Bericht über das Vorspiel zu Locarno und über die dortigen Verhandlungen ebenso wie aus der abschließenden Bewertung.

Wenn wir Deutschen nach dem Zusammenbruch des Jahres 1945 Geduld gelernt hatten und erfolgreiche Verständigungspolitik mit dem Westen betreiben konnten, so ist das ganz sicher auf die damalige Vorübung und das bleibende Vorbild von Männern wie Gustav Stresemann und Hans Luther zurückzuführen. Der bekannte sich bereits damals zur Geduld und schlug, nach einem Pressebericht, für Staatsmänner eine Art Konklave zur Erfüllung großer politischer Aufgaben vor. "Man hätte uns alle eingemauert, und wir hätten jeden Tag unsere Stimmzettel abgeben müssen. Je nachdem, ob der Schornstein rauchte oder still blieb, hätte die Presse der Welt dann ihre Schlüsse daraus ziehen müssen."

Die Stabilisierung der Währung im Herbst 1923 und der Abschluß des Locarno-Paktes im Herbst 1925 sind sicher die größten Erfolge der Bemühungen des Staatsmannes Hans Luther, die dann ihre Bestätigung vor der Weltöffentlichkeit fanden: Am 1. Dezember 1925 wurde das Vertragswerk in London unterzeichnet, und neben dem Reichsaußenminister wurde auch der Reichskanzler verdientermaßen geehrt. Wenn nach dieser Entwicklung dann der Sturz eines der wohl besten Staatsmänner der Weimarer Epoche am 13. Mai 1926 erfolgte, dann beweist dieser Vorgang, mit welcher Leichtfertigkeit politische Begabungen, auch durch die Schuld der Parteien, vergeudet wurden und ungenutzt blieben.

Der Verfasser hat seinem politischen Bericht den Haupttitel "Politiker ohne Partei" gegeben und sich über die hier liegende Problematik auf Seite 405 bis 415 ausgelassen. Dabei vermag ich ihm nicht ganz zu folgen. Hans Luther wurde im Endergebnis doch einer politischen Strömung, dem damaligen Liberalismus nämlich, zugerechnet, und er stand praktisch der Deutschen Volkspartei nahe. Gleichwohl bleibt es schön, daß damals noch politische Betätigung auf höchster Ebene ohne parteipolitische Bindung möglich war; heute gibt es dies nicht mehr.

Sein Leben nach seinem Sturz als Reichskanzler behandelt Hans Luther auf wenigen Seiten. Theodor Eschenburg bat jüngst den Altbundespräsidenten Professor Dr. Theodor Heuss, uns auch die Erinnerungen seiner Mannesjahre bis heute aufzuzeichnen. Ich halte mich zu einer gleichen Bitte an Hans Luther für die Zeit von 1957 bis heute für befugt und verpflichtet.