Hans Luther, geboren 1879, gehörte bis zum 1. Dezember 1922 kommunalen Bereichen an, war dann bis zum 6. Oktober 1923 Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft, bis zum 19. Januar 1925 Reichsfinanzminister und bis zum 13. Mai 1926 Reichskanzler. Aus läppischen Gründen schied er an diesem Tage aus der eigentlichen politischen Verantwortung aus, um später noch zweimal hervorzutreten: als Reichsbankpräsident vom März 1930 bis März 1933, und als deutscher Botschafter bei den USA im Anschluß hieran vier Jahre.

Sein Erinnerungsbuch hat somit eine sehr wichtige Grundlage: den Abstand von den Geschehnissen, in deren Mittelpunkt er stand.

Das Werk gliedert sich in vier Hauptteile. Mit dem ersten Teil, der den Lebensweg von der Vorbereitungszeit bis zum Oberbürgermeister in Essen umgreift, hatte uns der Verfasser früher bereits in drei Schriften vertraut gemacht. Dir zweite bis vierte Teil behandeln dann seine politische Laufbahn, die mit ihren unerhörten Bemühungen und einmaligen Erfolgen nur eine verhältnismäßig kurze Zeitspanne von dreieinhalb Jahren umfaßt.

Ein Biograph Gustav Stresemanns meinte am Schluß seines Werkes, daß man von Gustav Stresemann denken könne, wie man wolle: "Damals – in den Jahren 1923 bis 1929 –war er Deutschland." Man wird für Hans Luther hinzufügen dürfen: "Damals – in den Jahren 1922 bis 1926 – war er gleichfalls ein Stück Deutschlands."

Er begann, sich selbst für diesen Posten empfehlend, als Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft und bewies wieder einmal, daß die Belange gerade der Landwirtschaft besser einem neutralen, politisch und verwaltungsmäßig zuverlässigen Manne anvertraut werden, als einem Interessenvertreter aus dem Grünen Bereich. Hans Luthers rein fachliche Darlegungen fesseln ebenso wie seine Darstellung des Ruhrkampfes und die damalige psychologische Bewertung unserer französischen Nachbarn. Ganz sicher war Hans Luther den Reichskanzlern Wilhelm Cuno und Gustav Stresemann ein ebenso loyaler wie einsatzbereiter Mitarbeiter; und daß er Gustav Stresemann in seiner furchtbaren Aufgabe, den nun aussichtslos gewordenen Ruhrkampf abzubrechen, mannhaft unterstützte, verdient gerade heute erneut dankbare Würdigung.

Noch als Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft begann Hans Luther die Vorarbeiten für die Schaffung der Rentenmark und damit die endgültige Stabilisierung der in den Jahren 1922 und 1923 zerbrochenen Währung. Und in den diese Probleme behandelnden Ausführungen möchte ich das vielleicht wesentliche Verdienst des Werkes sehen: in der unwiderleglich genauen Beweisführung gegen Dr. Hjalmar Schacht und seine früheren wie heutigen Anhänger. Aus den Wahlkämpfen des Jahres 1924 sind noch Werbeverse in Erinnerung, wie: "Wer hat die Rentenmark erdacht? Ein Demokrat: der Doktor Schacht" und ähnliche, in denen sich die treue Wacht der Deutschen Demokratischen Partei, die an der Rentenmark gehalten werde, wiederum auf Dr. Hjalmar Schacht reimt. Von diesen parteipolitischen Legenden bleibt nun nicht mehr das geringste übrig: nach seinen genau begründeten Darlegungen ist an der Schöpfung der Rentenmark durch den am 6. Oktober 1923 zum Reichsfinanzminister berufenen Hans Luther nicht mehr zu zweifeln. Dadurch werden die Verdienste Dr. Hjalmar Schachts, der erst am 12. November 1923 zum Währungskommissar berufen wurde, um die Festigung und Erhaltung der Währung in der Folgezeit nicht in Zweifel gezogen; aber eingeleitet wurde die Stabilisierung durch andere, und begründet zweifellos durch die einmalige, ungeheure Energie des damaligen Reichsfinanzministers Hans Luther.

Auf dieses Verdienst ist ganz sicher auch die überragende Stellung zurückzuführen, die ihm damals allseitig zuerkannt wurde, sowie die Berufung zum Reichskanzler am 19. Januar 1925: unter Übergehung maßgeblicher, von ihren eigenen politischen Parteien getragener Parlamentarier.