Die Schilderung der nun folgenden Epoche gehört zu den schönsten Kapiteln des Buches: die Zeichnung der Persönlichkeit des Reichspräsidenten Fritz Ebert und seines Nachfolgers Paul von Hindenburg sind Meisterstücke politischer Weisheit und literarischer Porträtierkunst. Man erlebt eine ebenso erregende wie schöpferische Epoche unserer deutschen Geschichte noch einmal.

Sie war auch von besonderer außenpolitischer Bedeutung: Bereits im Jahre 1923 hatte Gustav Stresemann als Reichskanzler versucht, die politisch und psychologisch trennenden Schranken zwischen Frankreich und Deutschland abzubauen. In diese Arbeit trat nun in den Jahren 1924 bis 1926 Hans Luther mit ein, in guter Zusammenarbeit mit Gustav Stresemann und gleichwohl in eigener Auffassung und Verantwortung. Das ergibt sich aus seinem Bericht über das Vorspiel zu Locarno und über die dortigen Verhandlungen ebenso wie aus der abschließenden Bewertung.

Wenn wir Deutschen nach dem Zusammenbruch des Jahres 1945 Geduld gelernt hatten und erfolgreiche Verständigungspolitik mit dem Westen betreiben konnten, so ist das ganz sicher auf die damalige Vorübung und das bleibende Vorbild von Männern wie Gustav Stresemann und Hans Luther zurückzuführen. Der bekannte sich bereits damals zur Geduld und schlug, nach einem Pressebericht, für Staatsmänner eine Art Konklave zur Erfüllung großer politischer Aufgaben vor. "Man hätte uns alle eingemauert, und wir hätten jeden Tag unsere Stimmzettel abgeben müssen. Je nachdem, ob der Schornstein rauchte oder still blieb, hätte die Presse der Welt dann ihre Schlüsse daraus ziehen müssen."

Die Stabilisierung der Währung im Herbst 1923 und der Abschluß des Locarno-Paktes im Herbst 1925 sind sicher die größten Erfolge der Bemühungen des Staatsmannes Hans Luther, die dann ihre Bestätigung vor der Weltöffentlichkeit fanden: Am 1. Dezember 1925 wurde das Vertragswerk in London unterzeichnet, und neben dem Reichsaußenminister wurde auch der Reichskanzler verdientermaßen geehrt. Wenn nach dieser Entwicklung dann der Sturz eines der wohl besten Staatsmänner der Weimarer Epoche am 13. Mai 1926 erfolgte, dann beweist dieser Vorgang, mit welcher Leichtfertigkeit politische Begabungen, auch durch die Schuld der Parteien, vergeudet wurden und ungenutzt blieben.

Der Verfasser hat seinem politischen Bericht den Haupttitel "Politiker ohne Partei" gegeben und sich über die hier liegende Problematik auf Seite 405 bis 415 ausgelassen. Dabei vermag ich ihm nicht ganz zu folgen. Hans Luther wurde im Endergebnis doch einer politischen Strömung, dem damaligen Liberalismus nämlich, zugerechnet, und er stand praktisch der Deutschen Volkspartei nahe. Gleichwohl bleibt es schön, daß damals noch politische Betätigung auf höchster Ebene ohne parteipolitische Bindung möglich war; heute gibt es dies nicht mehr.

Sein Leben nach seinem Sturz als Reichskanzler behandelt Hans Luther auf wenigen Seiten. Theodor Eschenburg bat jüngst den Altbundespräsidenten Professor Dr. Theodor Heuss, uns auch die Erinnerungen seiner Mannesjahre bis heute aufzuzeichnen. Ich halte mich zu einer gleichen Bitte an Hans Luther für die Zeit von 1957 bis heute für befugt und verpflichtet.