Mit einem hochherzigen Geschenk hat die Familie Fritz Thyssen die Öffentlichkeit überrascht. Die Witwe Fritz Thyssens, Frau Amélie Thyssen, und ihre Tochter, Gräfin Anita de Zichy-Thyssen, haben sich entschlossen, einen wesentlichen Teil ihres Vermögens, und zwar nominell 100 Mill. DM Aktien der August Thyssen-Hütte AG, einer Stiftung zur Förderung der Wissenschaft zuzuwenden. Hiervon stiftet Frau Amelie Thyssen durch die Fritz Thyssen Vermögensverwaltung AG 75 Mill. DM und ihre Tochter Gräfin Zichy durch die Thyssen AG für Beteiligungen 25 Mill. DM. Diese Aktien stellen nach den derzeitigen Börsenkursen einen Wert von 350 bis 400 Mill. DM dar. Die daraus fließenden Dividenden belaufen sich – gemessen an der letzten Ausschüttung – auf 10 Mill. DM jährlich. In Erinnerung an Fritz Thyssen soll die Stiftung den Namen "Fritz-Thyssen-Stiftung" tragen.

Der Aufsichtsratvorsitzer der August Thyssen-Hütte, Dr. Robert Pferdmenges, der zugleich als langjähriger Freund der Familie Thyssen Vorsitzer des Kuratoriums dieser Stiftung sein wird, erläuterte Anfang dieser Woche den Entschluß der Stifterinnen vor der Presse. Die Fritz-Thyssen-Stiftung soll der deutschen Wissenschaft und Forschung sowie dem wissenschaftlichen Nachwuchs da helfen, wo eine ausreichende staatliche Hilfe nicht zur Verfügung steht. Es ist dabei an eine Förderung der Wissenschaften "in breitest denkbarem Rahmen" gedacht. Eine Beschränkung auf bestimmte Tätigkeitsbereiche würde dem ausdrücklichen Wunsch der Stifterinnen widersprechen.

Der Erfüllung des Stiftungszweckes dienen drei Organe: Vorstand, Kuratorium und wissenschaftlicher Beirat. In das Kuratorium, das mit Unterstützung des wissenschaftlichen Beirats die Richtlinien für die Erfüllung des Stiftungszweckes aufstellt, wurden als Vorsitzer Dr. Robert Pferdmenges, als stellvertretender Vorsitzer Prof. Dr. Robert Ellscheid und Dr. Kurt Birrenbach sowie als Mitglieder die Herren Fritz Berg, Dr. Julian Frhr. von Godlewski, Harald Kühnen und Dr. Ing. E. h. Hans-Günther Sohl berufen. Für den wissenschaftlichen Beirat sollen hervorragende Persönlichkeiten der Wissenschaft und Forschung, des Erziehungswesens und der Wirtschaft demnächst gewonnen werden.

Die Stiftung ist schon im Juli 1959 als gemeinnützige und rechtsfähige Siftung mit dem Sitz in Köln errichtet und von dem Innenminister des Landes Nordrhein-Westfalen genehmigt worden. Aber bei der Vereinbarung der beiden Thyssen – Vermögensverwaltungen, der Stiftung 100 Mill. DM Aktien der August Thyssen-Hütte AG zu übertragen, ging Frau Amalie Thyssen davon aus, daß sie die von ihr der Stiftung zugedachten Aktien der Thyssen-Hütte durch den Tausch ihrer Mehrheitsbeteiligung der Phoenix Rheinrohr AG ggen junge Aktien der Thyssen-Hütte alsbald erwerben würde. Diese Erwartung hat sich indessen nicht erfüllt, da die Hohe Behörde bekanntlich etliche Schranken vor dem Verschmelzungsantrag der Thyssen-Hütte glaubte aufrichten zu müssen. In einem Brief von Frau Thyssen an den Bundeskanzler – der, wie Dr. Pferdmenges vor der Presse betonte, den Beschluß der beiden Stifterinnen "sehr wesentlich gefördert hat" – heißt es hierzu wörtlich: "Wir haben gehofft, daß bis zu diesem (Gründungs-)Zeitpunkt die Einbringung der Aktienmehrheit von Phoenix Rheinrohr in die August Thyssen-Hütte vollzogen sein würde. Leider hat sich nun herausgestellt, daß mit der Genehmigung der Hohen Behörde zu dem beantragten Zusammenschluß zur Zeit nicht zu rechnen ist. Wir möchten aber nicht, daß der gute Zweck, den meine Tochter und ich mit der Stiftung erreichen wollten, dadurch beeinträchtigt wird. Daher haben wir uns entschlossen, die Stiftung nunmehr ins Leben zu rufen, wenngleich die Einbringung der Aktien zur Zeit noch nicht formell erfolgen kann. Bis zu diesem Zeitpunkt wollen wir aber die entsprechenden Erträge der Stiftung zur Verfügung stellen, so daß der beabsichtigte gemeinnützige Zweck mit sofortiger Wirkung voll erreicht wird." Wie Dr. Pferdmenges mitteilte, haben die beiden Stifterinnen bereits jetzt die Stiftung zur wirtschaftlichen Eigentümerin von Aktien im Nennbetrag von 100 Mill. DM gemacht, indem sie ihr den Nießbrauch an 75 Mill. DM Aktien der Phoenix-Rheinrohr AG und an 25 Mill. DM der August Thyssen-Hütte AG eingeräumt haben.

Mit der Errichtung der Fritz-Thyssen-Stiftung, so unterstrich Dr. Pferdmenges, beschreite eine Industriellenfamilie in Deutschland einen Weg, den die Eigentümer großer Privatvermögen in den USA schon seit vielen Jahrzehnten eingegeschlagen haben. "Die großen Industrieunternehmen", so betonte Pferdmenges wörtlich, "tragen in unserer Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung eine besondere Verantwortung. Was in ihnen geschieht, wirkt sich auch nach außen auf das gesamte öffentliche Leben aus. Die soziale Verpflichtung eines Unternehmens von heute darf sich nicht erschöpfen in sozialen Leistungen für die Belegschaft, in einer sozialen Betriebsgestaltung. Sie sollte auch die Bereitschaft einschließen, an der Erfüllung großer und dringlicher Gemeinschaftsaufgaben im Bereich des Möglichen mitzuwirken. Diese Bereitschaft wollen die Damen Thyssen durch die Gründung der Stiftung zeigen. Wenn sie damit einen wirksamen Beitrag zur Förderung der deutschen Wissenschaft und Forschung leisten können, so wäre das für sie die größte Genugtuung." nmn