Die Rundfunktechnik, die einst vor Jahrzehnten den internationalen Ruf der Telefunken GmbH, Berlin, begründet hat, ist immer noch ein wichtiger Bestandteil der Produktion dieses AEG-Tochterunternehmens. Dies gilt um so mehr, als an der Umsatzsteigerung im Geschäftsjahr 1959/60 (31. 3.) – von rd. 456 auf 571 Mill. DM oder um 25 (23) vH bei Telefunken allein und von über 500 auf über 620 Mill. DM einschließlich der hundertprozentigen Telefunken-Tochtergesellschaften – das Konsumgütergeschäft stärker beteiligt war als das technische Anlagengeschäft. In den Begriff "Rundfunk" ist hier selbstverständlich auch das Fernsehen einbezogen. Dennoch zeichnet sich in den Telefunken-Geschäftsberichten der letzten Jahre – die sich durch eine für die Verhältnisse einer GmbH ungewöhnlich breite Publizität auszeichnen – immer deutlicher auf lange Sicht eine Entwicklungslinie ab, deren Auswirkungen selbst die mit dem neuesten Stand vertrauten Techniker noch nicht endgültig zu beurteilen wagen. Die Elektronik, die über die Halbleiter- und Transistorentechnik bereits seit Jahren in die Rundfunktechnik eingedrungen ist, beginnt sich immer weitere Anwendungsgebiete zu erschließen, die dem Zug zur Automatisierung und zum Ersatz der menschlichen Arbeitskraft in immer unwahrscheinlicherem Umfang Rechnung tragen. Der jüngste Telefunken-Geschäftsbericht erwähnt auf diesem Gebiet u. a. nicht nur die elektronischen Rechenanlagen, für die gegenwärtig im Werk Konstanz ein neues Rechenzentrum errichtet wird. Dieses Zentrum wird, wie Vorstandsvorsitzer Dr.-Ing. Hans Heyne mitteilte, gestatten, alle bisher bekannten Anwendungsmöglichkeiten für Wissenschaft, Technik und Verwaltung demonstrieren und neue Gebiete zu erschließen. Der Bericht erwähnt ferner u. a. die umfangreichen Anlagen zur Vollautomatisierung des Postscheckverkehrs, eine Probeanlage zur Sortierung und Abstempelung von Briefen, die Telephon-, Rundfunk- und Fernsehkabel, auf denen die gleichzeitige Übertragung von mehr als 10 000 Gesprächen möglich ist, die Taschensender und -empfänger für den Eisenbahn-Rangierbetrieb. Das vor der Vollendung stehende Halbleiterwerk in Heilbronn, die jüngste der insgesamt 17 Produktionsstätten der Gesellschaft im Bundesgebiet und in Westberlin, trägt dieser Entwicklung äußerlich Rechnung. Aber auch in den übrigen Werken, von denen die drei Berliner Fabriken und die Hauptverwaltung in dem repräsentativen Hochhaus am Ernst-Reuter-Platz rund ein Drittel der Gesamtbelegschaft von fast 26.400 (i. V. 22 700) und einschließlich der Tochtergesellschaften 30 500 (26 300) Menschen auf sich vereinen, wächst der von der Elektronik maßgeblich beeinflußte Anteil ständig.

Im Berichtsjahr war die Entwicklung der Gesellschaft wieder, wie schon die Umsatzzahlen zeigen, überdurchschnittlich günstig. Die Zuwachsrate des Umsatzes von 25 vH lag beträchtlich über der Durchschnittsrate der deutschen Elektroindustrie von 14 (i. V. 11) vH und selbst der elektronischen Industrie von knapp 19 vH.

Der Index der Verbraucherpreise (1950 = 100) lag bei der gesamten Elektroindustrie im Februar d. J. bei etwa 110, bei Telefunken im Durchschnitt aller Erzeugnisse bei etwa 95 und im Rundfunk- und Fernsehgeschäft bei 70. Diese Preiskurve, die Heyne beim Fernsehgeschäft im letzten Jahr bereits als "wenig rentabel" bezeichnete, ist eine Folge des ständig schärferen Wettbewerbs, besonders auf dem Konsumgütergebiet im In- und Ausland. Auf den gleichen Arbeitsgebieten wie Telefunken sind in Deutschland insgesamt 26 Produzenten von Rundfunkgeräten, ebenfalls 18 von Magnettongeräten und 25 von Plattenabspielgeräten. Die Einfuhr an elektronischen Erzeugnissen, die jahrelang fast konstant bei 200 Mill. DM gelegen hatte, erhöhte ihren Wertanteil im letzten Jahr auf rd. 600 Mill. DM, wobei die USA besonders auf dem Gebiet der Fernsehröhren, vor allem aber Japan mit technisch ausgereiften Halbleitern und Kleinradios als empfindliche Konkurrenten auftraten. Berücksichtigt man ferner, daß der Export der deutschen Elektroindustrie in die EWG-Länder bei steigenden Einfuhrmengen von 28,3 vH (1957) auf z. Z. etwa 24 vH zurückgegangen, in die Länder der Kleinen Freihandelszone dagegen wesentlich größer ist, so sind die Sorgen verständlich, mit denen auch bei Telefunken die handelspolitische Entwicklung in Europa beobachtet wird.

Beachtlich sind die Erfolge, die Telefunken auch im Berichtsjahr wieder erzielt hat und die sich in dem aufschlußreichen Zahlenwerk widerspiegeln. Geht man von 1950 als dem Beginn einer normalen Entwicklung nach dem Kriege aus, so ist u. a. festzustellen, daß sich damals noch keines der jetzt von Telefunken benutzten Gebäude in seinem Besitz befand. Der Gesamtumsatz ist innerhalb von zehn Jahren auf etwa die sechseinhalbfache Höhe gestiegen. Für die etwa verdreifachte Belegschaft, die jetzt zu rd. einem Zehntel aus Hoch- und Fachschulingenieuren besteht, erhöhte sich die Lohn- und Gehaltssumme auf das Fünffache. Das Stammkapital von damals 25 Mill. DM ist jetzt mit 100 Mill. viermal so hoch. Die Rücklagen mit 33 gegen damals 6 Mill. DM auf rund das Fünfeinhalbfache. Das seit etwa zehn Jahren von Telefunken angewandte Organisationsprinzip, die einzelnen Produktionszweige in möglichst selbständige vertikal gegliederte Geschäftsbereiche aufzuteilen und in Anlehnung an amerikanische Vorbilder mit erstaunlicher Genauigkeit nach langfristigen Plänen zu arbeiten, läßt auch für das laufende Jahr wieder eine namhafte Geschäftsausweitung erwarten.

Die Bilanz ist auf den Reingewinn von 13,0 (10,9) Mill. DM zugeschnitten, aus dem der Muttergesellschaft eine Dividende von 13 (12) vH zugeführt wurde. G. G.