Von Ernst Stein

Was die Zukunft von der Gegenwart halten wird, können wir nicht wissen, obwohl es die gleichen Leute sind. Wahrscheinlich werden die Enkel der zornigen jungen Männer und die Sprößlinge der Niethosen besser über uns reden, als wir besorgen. Aber eines werden die Kommenden den Heutigen ankreiden: Noch nie hat sich ein Zeitalter mit Händen und Füßen, aber wenig Kopf, so gegen die Vergangenheit gesträubt. Noch dazu aus den falschen Gründen. Unsere Zeit verwechselt nämlich dauernd die Vergangenheit mit der jüngsten Vergangenheit – und sie bildet sich ein, wenn sie das Gestrige kennt, müsse sie auch Respekt davor zeigen.

Auf das Hutabziehen kommt es aber in der Kultur nicht an – man muß nur wissen, wer da vorübergegangen ist. Zuweilen schläft man auch beim guten Homer, aber um sagen zu können, daß er uns nichts mehr angeht – was keinem verwehrt sei –, muß man ihn kennen. Woher wollen wir denn wissen, was zeitgemäß ist, wenn wir nicht haargenau wissen, was unzeitgemäß ist – und woher sollen wir eine moderne Literatur nehmen, wenn wir nicht Wort für Wort, Name für Name belegen können, was unmodern ist?

Anderseits sind Ausgrabungen immer modern. Als es den Expressionismus gab, wurde die Barocklyrik "entdeckt", so wie einst die Romantik, die auch eine große Gegenströmung war. Hans Sachs war darf man nicht daneben graben, und wenn man schon etwas aus den siebziger Jahren enterdjgt, warum dann den trüben Vorläufer Genets, den unsäglichen Dilettanten Lautreamont, und nicht etwa die "Jugenderinnerungen eines alten Mannes" von Kügelgen? Und man kann sich zum Beispiel auch erinnern, daß das Gudrun-Lied ein großes Epos ist wie das Buch des Fürsten von Lampedusa. Zum Ausgraben gehört eine glückliche Hand, und Fouqué ist vielleicht wirklich nicht mehr zu retten, aber der Winkler-Verlag in München setzt verdienstlich, wenn auch äußerlich nicht mehr ganz mit der gleichen Eleganz, fort, was einst das Ruhmesblatt des Insel-Verlags in Leipzig war: Werke der Weltliteratur in Dünndruckausgaben.

Es gibt da schon einen schönen Grimmelshausen in zwei Bänden und andere deutsche Größen, es gibt Balzac und den "Onkel Benjamin" von Tillier (schon gehört?), Villon und die "Gefährlichen Liebschaften", den "Gil Blas" (schon gelesen?) und den Boccaccio, zu dem sich jetzt eine Neuausgabe seines angeblichen Gegenstücks gesellt –

Margarete von Navarra: "Das Heptameron", übertragen von Walter Widmer, mit einem Nachwort von Peter Amelung und Illustrationen von Duncker und Freudenberg; Winkler-Verlag, München; 790 S., 24,80 DM.

Man erwarte keinen Boccaccio. Die Königin von Navarra, die Schwester Franz I. Balzacschen Angedenkens, die Schutzherrin des frühen Protestantismus in Frankreich, hatte weder den großen Wurf, noch die Sinnenkühnheit ihres italienischen Vorbilds; ihre Erzählungen sind damenhafter, wenn auch durchaus nicht königlich, und anspruchsloser. Aber wer auf neue Leseabenteuer ausgeht, versuche einmal, sich mit diesem Werk des sechzehnten Jahrhunderts einzulassen – und vergegenwärtige sich, wie viele moderne Kunststücke man satt bekommen haben muß, um wieder reines Gefallen an einer Erzählungskunst zu finden, die noch so anheben konnte: "In der Stadt Saragossa lebte einst ein reicher Kaufmann, der seinen Tod nahen fühlte..."