Chruschtschows Besuch in Wien war auch wirtschaftlich eine Enttäuschung

J. B., Wien, im Juli

Das Ergebnis der Wirtschaftsbesprechungen anläßlich des Chruschtschow-Besuches in Österreich ist so mager, daß man sich heute fragt, warum sich die österreichische Regierung dieses Almosens wegen überhaupt als Bittsteller gebärdet hat.

Die Verhandlungen betrafen zunächst die Reparationslieferungen. Sie bestehen zur Hauptsache aus Erdöl. Ursprünglich war Österreich die kostenlose Abgabe von 1 Mill. t jährlich während der zehn Jahre nach dem Staatsvertrag (also bis Juli 1965) auferlegt worden. Im Jahre 1958 hat [~ Zeile fehlt ~] lieferung von 500 t sowjettischen Öls jedes Jahr zugestanden (um das schwefelarme österreichische Öl weiter im vereinbarten Ausmaß zu erhalten). Dieser "Tausch" der halben österreichischen Liefermenge fällt nun weg; Österreich liefert jedes Jahr netto seine 500 000 t, aber nur bis Juli 1964, also ein Jahr weniger lange als vorgesehen war. Das also ist das Almosen.

Der kommerzielle Warenaustausch mit der Sowjetunion hat sich im letzten Jahr wesentlich erhöht; denn 1959 erreichten die Exporte nach der Sowjetunion 874 (Vorjahr 526) Mill. S und die Einfuhren 768 (569) Mill. Es besteht kein Zweifel, daß man bei den für September angekündigten Verhandlungen über einen neuen Handelsvertrag auf fünf Jahre in dieser Größenordnung wieder zu einer Vereinbarung kommen wird.

Aber Österreich hatte ja noch einen anderen Wunsch. Neben den jährlichen Öllieferungen sind nämlich zur Zeit als weitere Reparation noch kostenlos Waren zu liefern; sie beziffern sich 1960 auf einen Wert von 650 Mill. Schilling. Im nächsten Jahr gehen diese Lieferungen zu Ende. Es geht im wesentlichen um Exporte der Betriebe in Ostösterreich, die während der Besetzung von den Sowjets verwaltet worden sind. Diese Unternehmen sind auf die entsprechende Produktion eingerichtet und würden den Absatz schwer entbehren. Am stärksten müßte ein Aufhören dieser Lieferungen für die Hersteller von Kunstseidengarnen fühlbar werden.

Chruschtschow hat keinen Zweifel daran gelassen, daß die Sowjetunion nur mit Waren bezahlen will. Voreilige Hoffnungen auf einen großen Rußlandexport sind damit begraben – die Desillusionierung ist auch wirtschaftlich allgemein.

Lebhaft diskutiert wird zur Zeit die sowjetische Absicht, die unter Öffentlicher Verwaltung stehende Automobil-Fabriks-AG (Austro-Fiat), die gegenwärtig die österreichische Vertretung der sowjetischen Autos "Moskwitsch" und "Wolga" innehat, zu übernehmen und für den "Moskwitsch" hier einen Montagebetrieb einzurichten. Auch hört man, daß Moskau seinen Plan, in Österreich eine eigene Bank zu errichten, weiterverfolgt.