b.k. Berlin, im Juli

Die SED hat im Sommer des sechzehnten Nachkriegsjahres einsehen müssen, daß sie mit ihren wichtigsten Wirtschafts vorhaben weit im Rückstand geblieben ist. Das ist das Fazit der SED-Bezirksdelegierten-Konferenzen, die sich im vergangenen Monat mit der beklagenswerten Versorgungslage der Zone auseinandersetzen mußten. Der Grund für dieses Versagen ist für jeden, der nicht zu den Anbetern des "wissenschaftlichen Sozialismus" gehört, klar erkennbar. Eine Volkswirtschaft, die weder Rohstoffe noch Geld hat und sich außerdem noch auf mehr als ein halbes Dutzend "Schwerpunkt-Projekte" konzentrieren muß, kann nicht die Leistungen erzielen, die man von ihr verlangt.

Für die SED-Spitzenfunktionäre sieht die Sache freilich ganz anders aus. Für sie liegt der Fehler nicht im Konzept, sondern in der fehlenden "Klarheit in den Köpfen". Sie behaupten, wenn das sozialistische Bewußtsein ausgereift sei, lösten sich alle wirtschaftlichen und organisatorischen Probleme von selbst. Hier also gilt es nach ihrer Meinung, den Hebel anzusetzen. Und der Mann, der nach dem Beschluß des Ministerrates diese Aufgabe lösen soll, ist Willi Stoph, der bisherige Verteidigungsminister der Sowjetzone. Ob er mit der Übernahme dieses Amtes in eine Position aufgerückt ist, die ihn – neben Ulbricht – zum zweitwichtigsten Mann in der Sowjetzone macht, oder ob er "weggelobt" wurde, ist freilich schwer zu beantworten.

Der 46jährige Stoph ist kein alter Kaderkommunist mit großen Widerstands- oder Emigrantenverdiensten. Seine Aktivistentätigkeit datiert – wenigstens für die Öffentlichkeit – erst seit dem Jahre 1945. Von da an hat er sich allerdings, zweifellos mit starker sowjetischer Protektion, als ein zuverlässiger, linientreuer und unauffälliger Organisator erwiesen. Er avancierte in den engsten Führungsstab der Partei, und er sammelte, bevor er Verteidigungsminister wurde, Erfahrungen als Innenminister und als Leiter der Wirtschaftsabteilung beim SED-Parteivorstand. Er trägt den Vaterländischen Verdienstorden in Sold, und er ist, im Range eines Armeegenerals, einer der stellvertretenden Oberbefehlshaber der Vereinigten Streitkräfte der Warschauer-Pakt-Staaten.

Obgleich nie ein Tadel gegen ihn laut wurde, meinen sachverständige Beobachter, daß der neue Auftrag über seine Kräfte geht, und daß diejenigen, die ihn gaben, das auch wohl wissen. Mit anderen Worten, die "Koordinierung und Kontrolle der Durchführung der Beschlüsse des Zentralkomitees der SED und des Ministerrats im Staatsapparat" gleiche einem Himmelfahrtskommando, bei dem die Chance zum Überleben gering sei.

Einer der Nutznießer des neuen Auftrags für Stoph ist sein Nachfolger im Amt des Verteidigungsministers, Generaloberst Hoffmann, Typ des alt-kommunistischen Haudegens und Spanien-Kämpfers. Er gab im vorigen Jahr bei der Genfer Außenministerkonferenz ein fragwürdiges Debüt auf diplomatischer Bühne. Es gibt äußerlich kaum größere Gegensätze als den wilden Berufs-Proletarier Hoffmann und den fast langweilig und trocken wirkenden Stoph.