Der außenpolitische Spielraum ist begrenzt, aber es gibt doch Möglichkeiten

Von Willy Brandt

Der Kommunismus wird mißverstanden, solange wir ihn nicht auch – ich betone "auch" – als ein innenpolitisches Problem betrachten. Im Gegenteil, wir sollten endlich selbstbewußter werden und die Unzulänglichkeit und die Brüchigkeit eines Systems angreifen, das den vergeblichen Versuch macht, die Welt aus Rezepten zu erklären, die zusammengestellt wurden, als man von der zweiten industriellen Revolution noch nicht einmal etwas ahnen konnte.

Die kommunistische Welt wird in beträchtliche innere Schwierigkeiten geraten, weil sie immer weniger ihr eigenes Gesetz von der Identität zwischen Theorie und Wirklichkeit beweisen kann. Das ist, glaube ich, zwangsläufig. Die Naturgesetze richten sich nicht nach der Ideologie, und die Gesetze der modernen Massenproduktion und des ökonomischen Erfolges sind nicht der Dogmatik von Parteifunktionären unterworfen.

Wir erleben, daß die Sowjetunion vor ähnlichen Problemen steht, wie sie die industrialisierten Nationen des Westens zu bewältigen haben. Diese Probleme werden für die Sowjetunion mit der weiteren Entwicklung ihrer Technisierung zunehmen. Sie wird um eine gewisse Entideologisierung in diesen Fragen nicht herumkommen, wenn sie nicht auf den Effekt eines sich weiter steigernden Sozialprodukts verzichten und damit das Rennen aufgeben will. Das ist, eine nicht geringe Chance für die Welt. Und deshalb meine ich, es ist wahrscheinlicher, daß die Enkel Chruschtschows sich vielleicht noch Kommunisten nennen, aber keine mehr sind, als daß unsere Enkel, wie Chruschtschow glaubt, in einer kommunistischen Welt aufwachsen.

Daraus ergeben sich für uns einige Konsequenzen, was die Festigkeit unserer Haltung, die Notwendigkeiten auf dem Gebiet der Sicherheit aber auch den Willen angeht, den geistigen, politischen und wirtschaftlichen Kampf im Vertrauen auf unsere Kraft zu führen.

Weg von den alten Rezepten