Auf die Frage, warum er diesen Film gemacht habe, antwortete der schwedische Journalist Erwin Leiser: "... weil die Statistik nicht blutet". Und was ihn dazu angeregt habe? "Die Fragen der Jugend, die es nicht mehr erlebt hat; die unbefriedigenden, ausweichenden, verschämten Antworten ihrer Eltern und ihrer Lehrer" und: "Je jünger die Geschichte, desto summarischer wird sie in der Schule behandelt." Das ist ein Anlaß für einen Film wie diesen Sein Titel: "Mein Kampf".

Es beginnt mit einer Parade, mit Tschingederassabum im Kaiserreich, mit dem stolzen Zug ins Feld Anno 1914, dem Krieg, der Niederlage, dem Diktat, mit Revolution und Inflation, und dann steht zum erstenmal auf einem Münchener Plakat zu lesen: "Es spricht Herr Adolf Hiltler..." Bevor der Vorhang am Schluß die Leinwand verhüllt, sieht man Bündel von Frauenhaaren, Gebisse, denen Goldkronen ausgebrochen sind, Koffer, die von niemandem mehr abgeholt werden, einen Jammerzug wankender Zwillingskinder, die das KZ überlebt haben, weil sie Versuchskaninchen waren. Seit einigen Tagen rollt in den Kinos der Bundesrepublik noch einmal die Zeit jenes Reiches ab, das man abwechselnd das dritte oder das tausendjährige zu nennen liebte. Der schwedische Film kommt jenem Bericht über Hitler zuvor, den ein Engländer unter Mitarbeit des Schriftstellers Robert Neumann, ebenfalls aus dokumentarischem Material im Auftrage eines deutschen Produzenten (Real-Film), zusammenstellt.

Dieser schwedische Film ist wirklich Dokumentarfilm. Man muß es zweimal betonen, weil das Wort mancherlei Produkte zweifelhafter Güte begleitet. Man kann durch Schnitt und Interpretation verfälschen; Kleinigkeiten, die kaum zu bemerken sind, können Akzente verschieben, können verzerren je nach der Tendenz, der ein Hersteller huldigt.

Hier ist nun indessen ein Film entstanden, der sachlich, klar, ehrlich und objektiv ist. Der Urhebei Erwin Leiser läßt einen sehr abgewogenen, mit Zitaten gescheit pointierten Kommentar, besser Bericht von Paul Klinger bewußt nüchtern Sprecher ("wie ein Nachrichtensprecher"). Nur an weniger Stellen spürt man verhaltene Leidenschaft.

Man kann einen solchen Film schwerlich besser machen, auch dramaturgisch nicht. Leiser hat ein Dreivierteljahr daran gearbeitet. Aus einem kilo meterlangen Material, das er aus den entlegenster Archiven vieler Länder zusammentrug, hat er seiner Film über Hitlers Leben – von den zunächst unscheinbaren Anfängen bis zum Ende – zusammengestellt. Er hat dabei Stücke entdeckt, die der Öffentlichkeit bisher verborgen waren, darunter ein Lehrfilm, den Goebbels im besetzten Polen für die Polizei hatte drehen lassen – den er freilich nie hatte vorführen lassen. Mögen einige Szenen in der Erinnerung ein wenig blasser werden: diese Bilder aus dem Warschauer Ghetto bleiben; sie lassen den Atem stocken, und sie werden den, der sie gesehen hat, nicht mehr loslassen.

Dieser Film ist deutlich; er ist hart, er verschweigt nichts, er setzt auch nichts hinzu, aber er versucht gerecht zu sein. Er gibt Antwort auf die immer wieder neue Frage, warum denn "das" alles hatte geschehen können. Nun, was sich damals zugetragen hat, war deutlich schon in jenem 1925 erschienenen Buch angekündigt, dessen Titel auch dieser Film trägt: "Mein Kampf" von Adolf Hitler.

Manfred Sack