Paris, im Juli

Unter de Gaulle Premierminister von Frankreich zu sein, ist keine beneidenswerte Aufgabe. Die Karikaturisten, denen in der Kritik des Präsidenten der Republik durch das Gesetz gewisse Grenzen gezogen sind, halten sich dafür an Herrn Debré schadlos: sie werden nicht müde, ihn als Hampelmann und Ja-Sager hinzustellen, der überhaupt nicht wisse, was in der Führung vorgeht. Michel Debré ist aber auch in einem anderen, ernsthafteren Sinne Prügelknabe für die Opposition: wo sich die Fünfte Republik irgendwo nicht an ihre "liberalen" Parolen hält, wird das sogleich mit "Sabotage" von Seiten des bösen Premiers erklärt. Der General hätte ja gern wollen, aber er mußte eben Rücksicht auf die Ultras nehmen, die mit Debré einen Wachthund in seinem Vorzimmer sitzen haben ...

Nach dem Verhandlungsabbruch in Melun ist nun aber den bestinformierten Blättern der Linken – dem France-Observateur und dem Canard enchaine – der Kragen geplatzt: sie wollen den "Mythos" vom "Saboteur Debré" nicht weiter schlucken. Die Arbeitsteilung zwischen dem "guten" de Gaulle und dem "bösen" Debré sei ein abgekartetes Spiel – der Premierminister sei nämlich seinem Staatschef so treu ergeben wie je; er habe die höchst undankbare Aufgabe auf sich genommen, der Linken gegenüber die Verantwortung für die "reaktionäre" Seite der Fünften Republik zu tragen und der Rechten gegenüber als Garantie für einen "strammen" Kurs zu dienen. De Gaulle habe jede Phase, der Vorverhandlungen in Melun genau überwacht; es sei ihm jedoch gelungen, in den Augen der Öffentlichkeit seinen Premierminister als verantwortlich für die Intransigenz der französischen Delegation erscheinen zu lassen. Zweck des Manövers ist nach France-Observateur, de Gaulle zu einer Art von "Vermittler" zwischen dem FLN und Debré zu machen und ihm so die Rolle der "letzten Instanz" zuzuschanzen, von der allein der Friede kommen kann.

Kurzum: diese Organe tun nichts Geringeres, als den Staatschef zum bewußten "Macchiavellisten" zu machen. Einen Rückfall finden sie dabei an dem Stilwandel de Gaulles, der jedermann auffällt: der Mann, der 1940 seinen persönlichen "Mythos" durch seine absolute, kompromißlose Haltung schuf und diesen Mythos 1946 durch die schroffe Art erneuerte, mit der er das Amt des Regierungschefs hinwarf – dieser selbe Mann hat sich seit seinem zweiten Machtantritt als ein Politiker erwiesen, der zu lavieren, zu charmieren und durch Abnützungstaktik zu gewinnen weiß.

Manchmal tut er darin des Guten sogar zuviel (und erinnert damit an die Art, wie Generale anderer Staaten in das demokratische Spiel eingestiegen sind): so, wenn er auf einem Empfang dem einen Politiker sagt "Ich bin ja ganz Ihrer Ansicht", sich umdreht und zehn Schritte weiter einem ganz anders ausgerichteten Politiker genau dasselbe sagt. Nicht zufällig haben die Karikaturisten den Staatspräsidenten anläßlich seiner Fahrt durch die Normandie als normannischen Bauern gezeichnet: von diesem geht nämlich die Fama um, daß man nie ein klares Ja oder Nein von ihm erhalte, sondern allerhöchstens ein "vielleicht ja, möglicherweise aber auch nein" ...

Nun gibt es kluge Gaullisten, die diese Züge an ihrem Chef gar nicht leugnen. Man brauche nur seine frühen wehrpädagogischen Schriften zu lesen: dort rechne er die List immer zu den Führertugenden. Frankreich sei auf die harten Anpassungen an die Wirklichkeit, welche die Weltentwicklung von ihm fordere, seelisch nicht vorbereitet – es bleibe drum de Gaulle nichts anderes übrig, als in einer Art von Springprozession vorzugehen und jeden kühnen Sprung nach vorne wieder durch ein vorsichtiges Zurückweichen auszubalancieren.

Gewiß, sagen diese Leute, habe er im Frühjahr nach seiner Rundfahrt bei der Algerienarmee etwas Wasser in den Selbstbestimmungswein gegossen; gleichzeitig habe er jedoch der Algérie française der Ultras zum ersten Male die Algérie algerienne entgegengestellt. Genauso sei es jetzt nach Melun. Zwar habe de Gaulle in seinen Reden in der Normandie von neuem nur von Waffenstillstandsverhandlungen gesprochen und so getan, als hätte er die Rede vom 14. Juni mit ihrem Angebot politischer Verhandlungen nie gehalten. Gleichzeitig jedoch habe er, so ganz nebenher, zum erstenmal von einer "Regierung" Algeriens gesprochen und damit die Weichen in Richtung einer algerischen Autonomie gestellt. Und das wolle bei all den gehäuften Schwierigkeiten doch allerhand heißen ...

Es fragt sich jedoch, ob diese Taktik – wenn sie wirklich die bewußt verfolgte Taktik des französischen Staatschefs ist – nicht zu einseitig auf das Gemüt des Franzosen (und zwar des Franzosen im Mutterland) kalkuliert ist. Jenseits des Mittelmeeres, in Afrika drüben, geht die Entwicklung im Schnellzugstempo vor sich, und es könnte sein, daß eine allzu vorsichtige Springprozession da nicht mehr nachkommt. Armin Mohler