Von Fritz Ernst

An keiner der großen Gestalten der neueren deutschen Geschichte hat das bürgerlich-nationale Klischee so viel gesündigt wie an Moltke. Sein Bild war zu dem eines beinahe von Jugend an altersreifen, konservativen Dieners seines preußischen Herrn erstarrt. Gespräche gab es wenige von dem "großen Schweiger", und bei der Ausgabe seiner Briefe in "Gesammelte Schriften und Denkwürdigkeiten" war beinahe alles gestrichen oder verändert, was dem populär gewordenen Bilde widersprach.

Nun legt Eberhard Kessel, durch seine Moltke-Biographie (1957) als bester Kenner bekannt, eine Auswahl von Briefen Moltkes vor, die alle Seiten des Briefschreibers und die meisten des Menschen Moltke zeigt –

Helmuth von Moltke: "Briefe", eine Auswahl, herausgegeben von Eberhard Kessel; Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart; 414 S., 15,80 DM.

Moltke hat bis in reiferes Alter unter der "Zurückhaltung" gelitten, "welche bei mir die Frucht einer unter lauter feindseligen Verhältnissen verlebten Jugend ist." Der Vater war unstet, die Eltern hatten sich getrennt. Von der Jugend blieb ihm die herbe Sorge für die materiellen Verhältnisse seiner Verwandten; immer wieder spricht er ohne Scheu von den zu erwartenden Erbschaften. Der Brief ersetzt dem Gehemmten das Gespräch. Er will vom Alltag seiner Partner hören und spricht ihnen von dem seinigen. Aber keiner von ihnen war ein Schilderer wie er. Er schreibt (nicht nur aus der Türkei) Briefe klarer realistischer Beobachtung, mit einer Liebe zum Detail und zugleich einer Fähigkeit, dieses zu durchleuchten, die oft an Fontane denken läßt. Dabei spielt der Humor und eine in den Humor gekleidete Ironie mit, beides auch in der Selbstbetrachtung. Als Neunundzwanzigjähriger genießt er die Reisebilder Heines: "Sie sind wirklich ganz vortrefflich und voller Geist und Witz."

Kennzeichnend für ihn ist, daß er auch da, wo er eine militärische Aktion als Stratege übersieht, doch noch den Bericht des Augenzeugen zu geben vermag: Man wird selten einen so "gesehenen" Schlachtbericht lesen können wie den des Über-(Nr. 65) – "keinen offiziellen Bericht, sondern die Anschauung eines Augenzeugen, wobei die Darstellung immer an Frische gewinnt." Und was für ein Augenzeuge! Wie lebt das noch alles, wie stark ist Ungewißheit und Spannung des Moments dem Leser vermittelt! Im Sozialen und Politischen ist Moltke ein ebenso scharfer wie kritischer Beobachter. Ergreifend der letzte hier erscheinende Brief, der die religiösen Überzeugungen des Neunzigjährigen zum Ausdruck bringt, in der Diskussion der Schrift eines schottischen Theologen. Wie wenig ist da zu spüren von konservativer Orthodoxie: "Bei den Dogmatikern wird Drummond schwerlich Gnade finden. Nach seiner Theorie kann der Moslem und der Heide ebensogut selig werden wie der Christ, und das glaube ich auch."